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Seit über 200 Jahren lernen deutsche Schüler die „Odyssee“ in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 – Hexameter, die bis heute in Gymnasien zitiert werden. Nun hat eine andere Übersetzerin, die Amerikanerin Emily Wilson, Christopher Nolans 250-Millionen-Dollar-Verfilmung öffentlich verrissen. Warum ausgerechnet die Wissenschaftlerin, die Nolan selbst als Inspiration nannte?
Die Antwort liegt in einem Spannungsfeld, das deutschen Lesern besonders vertraut ist: dem Konflikt zwischen wissenschaftlicher Texttreue und der Vereinfachung eines fast 2.800 Jahre alten Epos für ein Massenpublikum.
Wer ist Emily Wilson, und warum zählt ihre Meinung?
Emily Wilson lehrt Klassische Philologie an der University of Pennsylvania. 2017 legte sie als erste Frau überhaupt eine englische Gesamtübersetzung der „Odyssee“ vor, mit dem inzwischen berühmten Eröffnungssatz „Tell me about a complicated man„. Sie hat außerdem Homers „Ilias“ sowie Werke von Seneca und Euripides übersetzt.
Nolan erklärte gegenüber dem Magazin Empire (englisch), genau diese Eröffnungszeile habe ihm als Leitfaden gedient, um seinen Odysseus – gespielt von Matt Damon – zu entwickeln. Wer öffentlich das Werk einer Wissenschaftlerin als Inspiration für einen 250-Millionen-Dollar-Blockbuster nennt, rechnet normalerweise nicht mit offener Kritik derselben Person. Emily Wilson hielt sich trotzdem nicht zurück.
Warum veröffentlichte Wilson ihre Kritik in der London Review of Books?
Wilson legte ihr Urteil in einem langen Essay für die London Review of Books (englisch) nieder, betitelt „An Uncomplicated Man“. Der Text verbreitete sich so schnell im Netz, dass die Website der Publikation zeitweise überlastet war.
Ihr zentraler Vorwurf: Nolans „Odyssee“ übernehme die äußere Form von Homers Geschichte, aber nicht deren Substanz. Sie habe gehofft, dass Nolans Interesse an homerischen Themen ihn zu überzeugenderen, tieferen Figuren führen würde – stattdessen falle der Film in sein bekanntes Muster aus Bombast und Oberflächlichkeit zurück.
Wilson kritisierte zudem, der Film habe kaum etwas Substanzielles über Erinnerung, Krieg oder den Preis zu sagen, den die Heimkehr eines Kriegers seine Familie und Gemeinschaft kostet. Die Erzählstruktur nannte sie gimmickhaft, das Drehbuch schwach – keine Figur habe eine nachvollziehbare Motivation für ihr Handeln.
Was genau störte sie am Drehbuch?
Aus Wilsons Essay und einem Folgeinterview mit der Sunday Times (englisch) lassen sich drei konkrete Kritikpunkte herausarbeiten:
Fehlende emotionale Tiefe. Wilson schrieb, der Film habe sie emotional schlicht nicht erreicht. Sie fragte sich, warum sie sich dafür interessieren solle, ob Odysseus zu seiner Frau zurückfindet – der Film liefere ihr keinen Grund dafür.
Verflachte Figuren. Die Besetzung habe nicht die psychologische Tiefe, die Homer denselben Figuren vor fast drei Jahrtausenden verlieh. Aus einem „komplizierten Mann“ werde ein simpler Actionheld.
Verlorene Zielrichtung. Die Vision des Films sei zu konfus, um die großen Ideen einzulösen, die er andeutet – auch wenn er bei Explosionen und Spektakel überzeuge.
Nolan selbst hat sich bislang nicht öffentlich zu Wilsons Essay geäußert.
Warum spricht sie trotzdem von einem „Ereignis zum Feiern“?
Hier liegt die eigentliche Pointe der Geschichte: Wilson findet nicht, der Film hätte ungemacht bleiben sollen. Trotz aller Kritik am Drehbuch bescheinigte sie „Odyssee“, Kinosäle wieder zu füllen – und wies darauf hin, dass Übersetzungen des Epos, ihre eigene eingeschlossen, sich wieder gut verkaufen.
Sie äußerte zudem die Hoffnung, der Erfolg des Films könne Universitätsverwaltungen davon abhalten, Literatur-, Sprach- und Geschichtsfachbereiche weiter zusammenzustreichen. Nolan selbst studierte Anglistik am University College London, wo die „Odyssee“ nach wie vor als Pflichtlektüre im ersten Studienjahr gilt. Sie sei dankbar, schrieb Wilson, dass er sein Bestes gebe, um das breite Publikum wieder zum Lesen zu bringen.
Diese Bildungspolitik-Frage dürfte deutsche Leser besonders ansprechen: Auch hierzulande wird seit Jahren diskutiert, ob Altgriechisch- und Lateinkurse an Gymnasien noch zeitgemäß sind, während die Schülerzahlen in diesen Fächern kontinuierlich sinken. Wilsons Hoffnung, ein Hollywood-Blockbuster könne diesen Trend umkehren, ist damit kein rein amerikanisches Phänomen.
Warum reagieren Kritiker und Publikum so unterschiedlich?
Wilsons Verriss trifft den Film an einem kommerziell denkbar ungünstigen Moment – für sie zumindest. „Odyssee“ bricht weltweit Kassenrekorde für Universal Pictures und erhielt überwiegend positive Kritiken, was Wilsons Essay zu einer der wenigen prominenten Gegenstimmen macht – noch dazu von jemandem mit direkter fachlicher Autorität über den Quelltext.
Diese Kluft zwischen wissenschaftlicher und kommerzieller Rezeption ist bei Epos-Verfilmungen keine Seltenheit. Große Studioproduktionen antiker Stoffe setzen meist auf Tempo, Spektakel und Zugänglichkeit für ein Publikum, das das Original nie lesen wird. Wilsons eigene Übersetzung stand vor einer ähnlichen Spannung: Manche Leser lobten ihre Zugänglichkeit, andere kritisierten die schlichte, moderne Sprache als zu einfach für Homers Verse.
Vor diesem Hintergrund liest sich Wilsons Kritik weniger wie ein Angriff von außen als wie die Enttäuschung einer Insiderin. Sie selbst hat Jahre damit verbracht, die „Odyssee“ ins moderne Englisch zu übertragen. Wenn sie schreibt, Nolans Drehbuch verdiene sich die emotionale Auszahlung nicht, die Homer über dreitausend Jahre aufgebaut hat, spricht sie aus derselben Erfahrung heraus – nicht aus der Distanz.
Was der Streit über die Verfilmung antiker Epen verrät
Der Konflikt zwischen Wilson und Nolans Film wirft eine größere Frage auf, die bei jeder Hollywood-Verfilmung eines klassischen Textes wieder auftaucht: Wem gehört die „Odyssee“ eigentlich? Homers Original, Voß‘ deutsche Hexameter aus dem 18. Jahrhundert, Wilsons englische Übersetzung und Nolans Drehbuch sind vier verschiedene Antworten auf dieselben Fragen nach Schuld, Heimkehr und dem Preis des Krieges – entstanden für völlig unterschiedliche Publika, getrennt durch Jahrtausende.
Wilsons Essay argumentiert, Nolans Version beantworte diese Fragen mit Spektakel statt Substanz. Ob dieser Tausch sich lohnt, entscheidet sich wohl weniger in der Altphilologie als an der Kinokasse – dort, wo ein Publikum mit IMAX-Tickets für rund 250 Millionen Dollar Produktionskosten abstimmt.
Ein Vergleichspunkt bleibt bestehen: Die Kontroverse um Nolans „Odyssee“ ist nicht die erste rund um diese Verfilmung. Bereits die Besetzung von Helena von Troja löste Monate vor dem Kinostart heftige Debatten aus (Artikel auf Englisch) – ein Zeichen dafür, wie genau Publikum und Fachwelt jede kreative Entscheidung Nolans bei der Adaption Homers prüfen.
Warum wiegt Wilsons Kritik schwerer als die anderer Kritiker?
Der Maßstab, den Nolan um Wilsons Übersetzung herum gebaut hat, erklärt einen Teil der Wucht ihrer Kritik. „Odyssee“ kostete rund 250 Millionen US-Dollar – umgerechnet etwa 230 Millionen Euro – und wurde auf neuer IMAX-Filmtechnik unter anderem in Marokko und Sizilien gedreht. Das Ensemble versammelt Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway, Zendaya und Charlize Theron.
Universal Pictures bewarb den Film als „mythisches Action-Epos“ und setzte damit klar auf Großformat-Spektakel statt auf eine wortgetreue, wissenschaftliche Nacherzählung. Genau das ist der Kern von Emily Wilsons Einwand: Es geht ihr nicht darum, dass Nolan den Stoff für ein Massenpublikum vereinfacht hat – ihre eigene Übersetzung verfolgte schließlich dasselbe Ziel der Zugänglichkeit. Ihr Einwand ist, dass diese Vereinfachung nach ihrer Lesart genau die psychologische und moralische Komplexität gestrichen hat, die Homers Helden über Jahrtausende lesenswert machte.
Die Kinozahlen sprechen dabei eine andere Sprache als Emily Wilson: „Odyssee“ startete mit dem größten weltweiten Eröffnungswochenende in Nolans Karriere und baute die Rekorde im zweiten Wochenende weiter aus, wie Branchenmedien berichten. Gerade dieser kommerzielle Erfolg macht Wilsons Essay zur Nachricht statt zur akademischen Randnotiz: Eine Wissenschaftlerin, die der Regisseur öffentlich als Vorbild genannt hatte, widersprach ihm öffentlich – ausgerechnet während der Film weltweit die Kinosäle füllte.
Häufig gestellte Fragen
Wer ist Emily Wilson?
Emily Wilson ist Altphilologin an der University of Pennsylvania und bekannt für ihre englische „Odyssee“-Übersetzung von 2017, die erste, die von einer Frau veröffentlicht wurde.
Hat Christopher Nolan auf Emily Wilsons Kritik reagiert?
Bislang hat sich Nolan nicht öffentlich zu Wilsons Essay in der London Review of Books geäußert.
Ist Emily Wilsons Kritik ausschließlich negativ?
Nein. Trotz scharfer Kritik am Drehbuch lobte sie die kulturelle Wirkung des Films, darunter steigende Buchverkäufe und neues öffentliches Interesse an der klassischen Literatur.