Warum kommt die Zuckersteuer – auch auf Cola Zero?

Last Updated on 5 Minuten ago by TodayWhy Editorial

Wer im August 2026 „Zuckersteuer“ googelt, sucht selten die Rübe von 1841. Gesucht wird der Preis der nächsten Flasche. Die schwarz-rote Koalition hat eine Abgabe auf gesüßte Getränke beschlossen, das Startdatum wanderte von 2028 auf 2027, aus der zweckgebundenen Abgabe wurde eine Steuer – und ein Papier des Bundesfinanzministeriums, über das Welt und Focus am 25. August berichteten, zieht den Kreis weiter als Cola: Saft aus Konzentrat, Milchmischgetränk, Haferdrink, alkoholfreies Bier, Eistee – und Getränke mit Süßstoff, also Cola Zero. Die Frage warum Zuckersteuer hat deshalb zwei Schichten. Die eine ist Gesundheit. Die andere ist Kasse.

Dieser Text trennt beides. Er erklärt, was geplant ist (Stand: Medienberichte über ein BMF-Papier, noch kein verabschiedetes Gesetz), warum Deutschland den Weg Großbritanniens kopiert und ihn zugleich überzieht, warum Zero plötzlich mitzahlt – und warum dieselbe Steuer 1993 abgeschafft wurde, als sie noch nichts mit Diabetes zu tun hatte.

Was genau ist geplant – und was ist schon beschlossen?

Beschlossen ist die Richtung, nicht jede Stufe. Im Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen einigte sich die Koalition auf eine Zuckersteuer auf Getränke. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte zunächst eine Abgabe ab 2028 im Blick, Einnahmen rund 450 Millionen Euro, zweckgebunden für die GKV. Im Sommer 2026 wanderte die Federführung ins Finanzministerium von Lars Klingbeil (SPD). Aus der Abgabe wurde eine Steuer. Der Grund, den Regierungskreise der Welt nannten: Sonderabgaben hält das Bundesverfassungsgericht eng. Eine Verbrauchsteuer sitzt rechtlich fester – und fließt in den allgemeinen Haushalt, nicht automatisch in Präventionskurse.

Die Zeitachse zog nach vorn. Unterlagen zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz rechneten für 2027 mit 650 Millionen Euro, danach mit 450 Millionen – der Rückgang ist Absicht: Wer Rezepturen umstellt, zahlt weniger. Klingbeil selbst blieb im Juli vorsichtig. Ob der 1. Januar 2027 oder „ein bisschen später“ gilt, wollte er nicht festnageln. Wer warum Zuckersteuer sucht, sollte diese Lücke mitlesen: Eckpunkte sind nicht Gesetzestext.

Zwei Stufenmodelle kursieren parallel. Das frühere Kommissionsmodell orientierte sich an Großbritannien: unter fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter frei, fünf bis acht Gramm 26 Cent je Liter, darüber 32 Cent. Zero und Süßstoff sollten außen vor bleiben. Das BMF-Papier vom August 2026, Stand Medienberichte, senkt die Einstiegsschwelle auf 4,5 Gramm und staffelt breiter:

  • 4,5 bis 7 Gramm Zucker je 100 Milliliter: 26 Cent je Liter
  • mehr als 7 bis 10 Gramm: 32 Cent je Liter
  • mehr als 10 Gramm: 38 Cent je Liter
  • kein Zucker, aber Süßungsmittel: pauschal 26 Cent je Liter

Dazu kommt die Mehrwertsteuer auf den Aufschlag. Sirup, Konzentrat und Granulat sollen mit ins Gesetz, damit niemand die Steuer über den Heimwasserhahn umgeht – ein Lerneffekt aus anderen Ländern.

Warum Zuckersteuer – das Gesundheitsargument

Freier Zucker ist der Zucker, den Hersteller, Köche oder Haushalte zusetzen, plus der Zucker in Honig, Sirup und Fruchtsaft. Die WHO empfiehlt, damit unter zehn Prozent der Tagesenergie zu bleiben: bei 2000 Kilokalorien rund 50 Gramm, etwa 17 Würfel. Eine strengere Leitlinie zielt auf 25 Gramm. DGE, Deutsche Adipositas-Gesellschaft und Deutsche Diabetes-Gesellschaft haben die Zehn-Prozent-Linie übernommen.

Deutschland liegt darüber, besonders im Glas. Destatis zählte für 2024 rund 7,7 Milliarden Liter zuckerhaltige Erfrischungsgetränke aus deutscher Produktion, rechnerisch 93 Liter je Kopf. Foodwatch, gestützt auf Euromonitor, setzte Deutschland bei süßen Getränken an die Spitze der zehn größten westeuropäischen Länder: allein über Getränke fast 26 Gramm Zucker am Tag – mehr als acht Würfel, bevor das Essen beginnt. Der FAO-Versorgungswert lag 2023 bei 41,2 Kilogramm Zucker je Kopf und Jahr. Das ist Verfügbarkeit, nicht Teller; der Abstand zur WHO-Linie bleibt trotzdem groß.

Softdrinks sind der bequeme Hebel. Ein Glas Coca-Cola Classic mit 10,6 Gramm Zucker je 100 Milliliter liefert in 250 Millilitern gut 26 Gramm – die halbe oder ganze Tagesration, je nach Leitlinie, ohne Sättigung. Fanta liegt in Deutschland bei etwa 7,6 Gramm je 100 Milliliter, in Großbritannien nach der Levy bei 4,5. Genau dieser Abstand ist das politische Argument: Rezeptur folgt Preis, nicht Appellen.

Adipositas betrifft nach WHO-Zahlen 2022 rund 24 Prozent der Erwachsenen in Deutschland und 8 Prozent der 5- bis 19-Jährigen. Typ-2-Diabetes, Karies, Herz-Kreislauf – die Kausalkette ist nicht „eine Cola gleich eine Krankheit“, sondern Menge über Jahre. Eine Simulation mit britischen Daten, die Gesundheitsforscher für Deutschland durchgerechnet haben, nannte über 20 Jahre Einsparungen in Milliardenhöhe, wenn zuckergesüßte Getränke aus dem Alltag fallen. Das ist Modell, kein Kassenzettel. Es erklärt aber, warum Ärztekammer und Foodwatch die Steuer nicht als Symbolpolitik verkaufen, sondern als ersten Schritt, der Hersteller bewegt, bevor er Verbraucher trifft.

Warum Zuckersteuer – das Kassenargument

Die zweite Schicht ist nüchterner. Die GKV braucht Geld. Der Bund will den Zuschuss an den Gesundheitsfonds nicht erhöhen, sondern senken. Eine Steuer, die „ungesunde“ Produkte trifft, lässt sich als Lenkung und als Einnahme erzählen. 650 Millionen im ersten Jahr, 450 Millionen danach: Das stopft kein Strukturloch, es entlastet eine Zeile.

Genau hier dreht sich der Streit um Zweckbindung. Eine Abgabe an die Kassen hätte das Gesundheitsversprechen sichtbar gemacht. Eine Steuer im Bundeshaushalt kann theoretisch überall landen – Schuldenregel, andere Ressorts, Ausgleich an anderer Stelle. Daniel Günther (CDU), der die Debatte 2026 früh angeschoben hat, mahnte öffentlich, die Abgabe dürfe nicht nur Löcher stopfen. Das August-Papier folgt dem Finanzministerium, nicht dieser Mahnung.

Wer ehrlich bleibt, hält beide Motive fest. Warum Zuckersteuer 2027 kommt, hängt an Adipositas und an einem Haushalt, der neue Verbrauchsteuern sucht, während Tabak und Spirituosen parallel steigen sollen. Gesundheit ohne Kasse wäre später gekommen. Kasse ohne Gesundheit hätte den Namen nicht überlebt.

Warum auch Cola Zero?

Das ist der Punkt, an dem die Suche am 25. August explodierte. Zero enthält keinen Zucker. Die Levy in Großbritannien lässt Süßstoff bewusst außen vor, damit Hersteller dorthin ausweichen. Das deutsche Papier besteuert diesen Ausweg mit 26 Cent je Liter – derselbe Satz wie die unterste Zuckerstufe.

Drei Begründungen kursieren. Erstens Vermeidung: Wer nur Zucker trifft, verschiebt den Markt in Light und Zero, der Fiskus verdient weniger, die Flasche bleibt süß. Zweitens Misstrauen gegen Süßstoffe – ein wissenschaftlich umstrittenes Feld, das die WHO bei manchen Stoffen vorsichtig bewertet, ohne daraus eine Steuerlogik zu machen. Drittens Gleichbehandlung im Kühlregal: Haferdrink, Saftschorle, Radler und Fertigkaffee stehen neben Cola. Eine enge Softdrink-Definition erzeugt Schlupflöcher.

Die Gegenargumente sind mindestens so hart. Wer Zero besteuert, schwächt den Reformulierungsanreiz, den Großbritannien vorführt. Die Flasche ohne Kalorien wird teurer, obwohl sie das Gesundheitsziel der Steuer formal erfüllt. Hafer- und Sojadrinks treffen Menschen, die Milch ersetzen, nicht Kinder mit Dosen-Cola. Alkoholfreies Bier ist oft ein Ausweichprodukt, kein Softdrink. Kritiker sprechen von einer zweiten Mehrwertsteuer auf das Getränkeregal. Rechnerisch: 26 Cent plus Umsatzsteuer liegen bei rund 31 Cent je Liter. Eine Zero-Flasche um 1,12 Euro würde Richtung 1,43 Euro rutschen, wenn der Handel den Satz vollständig überwälzt.

Ob das Papier so Gesetz wird, ist offen. Der politische Preis ist klar: Die Steuer erklärt sich als Gesundheitsinstrument schwerer, sobald das kalorienfreie Regal mitzahlt.

Was die Flasche kosten könnte

Beispielrechnung auf Basis der August-Stufen, plus 19 Prozent Mehrwertsteuer auf die Steuer, voll überwälzt – eine Obergrenze, kein Kassabon.

  • Coca-Cola Classic, 10,6 g/100 ml: 38 Cent Steuer, rund 45 Cent inkl. MwSt. je Liter. Aus 1,23 Euro werden rechnerisch etwa 1,68 Euro.
  • Fanta Deutschland, 7,6 g: 32-Cent-Band.
  • Viele Radler, Eistees, süße Haferdrinks: oft 4,5 bis 7 g, also 26 Cent.
  • Cola Zero / Light: 26 Cent trotz null Gramm Zucker.

Hersteller zahlen zuerst. Ob der Handel den Satz weitergibt, schluckt oder auf andere Artikel legt, entscheidet der Markt. In Großbritannien überwälzten Marken, die den Zucker behielten, den Satz oft überproportional. Marken, die unter die Schwelle rutschten, hielten den Preis und verloren den Aufschlag. Genau das ist der Hebel: nicht der Staat als Preistreiber, sondern der Staat als Schwellenbauer.

Warum Großbritannien der Blaupause bleibt

Die britische Soft Drinks Industry Levy gilt seit 2018. Zwei Stufen, lange Ankündigung, Süßstoff frei, Milchprodukte zunächst außen vor (eine Erweiterung auf Milchshakes ist in London für 2028 geplant). Die Wirkung sitzt vor allem in der Rezeptur. Der Anteil der Regalgetränke über fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter fiel von knapp 50 Prozent (2015) auf etwa 15 Prozent (2019). Die Regierung spricht von rund 46 Prozent weniger Zucker in den betroffenen Softdrinks. Cambridge-Auswertungen fanden weniger Adipositas bei zehn- und elfjährigen Mädchen. Zahnextraktionen bei Kindern gingen zurück. Über 80 Prozent der eingesparten Kalorien kamen laut IZA-Forschung von Herstellern, nicht von durstigen Sparern.

Deutschland kopiert die Staffel und verschärft sie: niedrigere Schwelle, mehr Produktgruppen, Süßstoff drin. Das kann mehr Einnahmen bringen und weniger Lenkung. Es kann auch beides halb erreichen. Die Industrie – Coca-Cola, Capri-Sun, Brauereien – hat im Sommer gegen den Zeitplan protestiert: Rezeptur, Etikett, Logistik bis Januar 2027 seien zu eng. Das Argument ist Eigeninteresse und trotzdem praktisch wahr. Eine Levy wirkt, wenn die Schwelle Zeit hat, Rezepturen zu ändern, bevor die Steuer kassiert.

Die alte Zuckersteuer war eine andere Steuer

1841 begann im Zollverein die Belastung des Rübenzuckers, damit der inländische Rübenzucker dem verzollten Rohrzucker nicht davonlief. Aus der Materialsteuer auf Rüben wurde eine Fabrikatsteuer, 1871 Reichssteuer, in den 1930ern zeitweise ein relevanter Brocken im Staatshaushalt. 1993 strich der Bund Zucker-, Tee-, Salz- und Leuchtmittelsteuer zum Start des EG-Binnenmarkts. Der letzte Satz lag bei umgerechnet drei Cent je Kilogramm Zucker, das Aufkommen bei rund 90 Millionen Euro – zu wenig für den Aufwand, zu verzerrend im Binnenmarkt.

Wer sagt, Deutschland „führt die Zuckersteuer wieder ein“, verkürzt. 1841 bis 1993 war Fiskalzucker. 2027 soll Lenkungszucker im Glas sein, der nebenbei Fiskalzucker bleibt. Dieselbe Vokabel, anderes Ziel, anderes Objekt: nicht die Rübe, die Flasche.

Wer gewinnt, wer zahlt, wer ausweicht

Lenkungssteuern sind regressiv, wenn Unwohlhabende denselben Liter kaufen. Eine Familie, die Cola als günstiges Getränk nutzt, spürt 38 Cent stärker als eine, die ohnehin Wasser trinkt. Dagegen steht: Kinder trinken überproportional Softdrinks, und genau diese Gruppe meinen Ärztekammern. Die saubere Lösung wäre eine enge Definition, eine lange Vorlaufzeit und eine klare Zweckbindung – drei Punkte, die das August-Papier nicht alle erfüllt.

Ausweichpfade sind vorhersehbar. Mehr Leitungswasser, mehr Zero (wenn Zero teurer wird: weniger Zero), mehr Eigenmischung aus Sirup, solange der Sirup nicht erfasst ist, mehr Discounter-Hausmarke mit weniger Zucker, mehr Import, wenn die Grenze schlampig kontrolliert wird. Deshalb will das Papier Konzentrate mitnehmen. Deshalb bleibt der Vollzug die eigentliche Baustelle, nicht der Cent-Betrag.

Der Lebensmittelverband lehnt die Steuer ab: Schlank mache die Kalorienbilanz, nicht die einzelne Zutat. Das ist physiologisch nicht falsch und politisch unvollständig. Staaten steuern selten „die Bilanz“. Sie steuern sichtbare, standardisierte Produkte, bei denen die Rezeptur in einer Fabrik sitzt. Cola ist so ein Produkt. Der Sonntagsbraten nicht.

Was das mit anderen Warum-Fragen gemeinsam hat

Die Mechanik kennt TodayWhy aus anderen Brüchen zwischen Etikett und Ursache. Warum Diesel an der Säule teurer ist als Benzin, obwohl die Steuer niedriger liegt: Angebot und Druck, nicht das Schild. Warum Erdbeben am Bodensee gemessen werden, obwohl niemand die Wand spürt: die Kraft sitzt tiefer als die Oberfläche. Bei der Zuckersteuer sitzt die Kraft in der Rezeptur und im Haushalt. Das Etikett „Zero“ beschreibt den Zucker, nicht die Steuerpolitik.

Auch Alltagsprodukte tragen Namen, die in die Irre führen. Warum Teewurst Teewurst heißt, obwohl kein Tee darin ist, ist dieselbe Sorte Missverständnis: das Wort verspricht eine Zutat und liefert eine Geschichte. „Zuckersteuer“ verspricht Zucker und trifft, wenn das Papier hält, auch dessen Abwesenheit.

Häufige Fragen

Warum Zuckersteuer, wenn Wasser steuerfrei bleibt?

Weil Wasser keine Rezeptur hat, die ein Konzern ändern kann. Die Steuer zielt auf industriell gesüßte Getränke, nicht auf Durst.

Ist die Zuckersteuer schon Gesetz?

Nein. Beschlossen ist die politische Linie. Stufen, Produktliste und Stichtag stehen in Eckpunkten und Medienberichten über ein BMF-Papier. Der Gesetzestext kann enger oder weiter ausfallen.

Warum Zuckersteuer auf Cola Zero?

Laut August-Papier, um Ausweichen auf Süßstoff zu begrenzen und mehr Getränke zu erfassen. Gesundheitlich ist das der umstrittenste Teil.

Wird Saft aus frischen Orangen besteuert?

Das Papier nennt Säfte aus Konzentraten und Mischgetränke. Frisch gepresster Direktsaft ohne Zusatz ist der Grenzfall, den der Gesetzestext klären muss.

Hilft die Steuer gegen Adipositas?

In Großbritannien sank der Zucker in Softdrinks deutlich, mit messbaren Effekten bei Kindern. Ob Deutschland denselben Effekt bekommt, hängt davon ab, ob Hersteller reformulieren dürfen, ohne in die Zero-Steuer zu laufen.

Fazit

Warum Zuckersteuer? Weil Deutschland zu viel Zucker trinkt, die Kassen unter Druck stehen und eine gestaffelte Flaschensteuer der kürzeste Weg ist, Rezepturen zu bewegen. Warum sie 2027 statt 2028 kommen soll: weil der Haushalt die Einnahme früher braucht. Warum auch Cola Zero im Gespräch ist: weil das Finanzministerium Schlupflöcher schließt – und dabei den Gesundheitshebel schwächt, den Großbritannien stark gemacht hat.

Solange der Bundestag den Text nicht beschlossen hat, bleibt jede Cent-Zahl eine Obergrenze aus dem Papier, keine Kassenzeile. Wer die nächste Flasche kauft, liest trotzdem schon den Konflikt: Lenkung gegen Kasse, Zero gegen Zucker, 1841 gegen 2027. Weitere Einordnungen stehen bei TodayWhy – etwa warum Tomaten nach Regen aufplatzen oder warum Immer wieder sonntags endet: sichtbar wird immer erst der Riss, nicht der Druck darunter.

Schreibe einen Kommentar