Warum der Iran-Krieg eine überraschende Deflation auslösen könnte

Last Updated on 1 Tag ago by TodayWhy Editorial

Seit dem Kriegsbeginn am 28. Februar 2026 dreht sich in der Wirtschaftsberichterstattung fast alles um eine Frage: Wie stark treibt der Iran-Krieg die Inflation? Die Ölpreise schossen binnen Tagen um mehr als ein Drittel nach oben, die deutsche Inflationsrate sprang von 1,9 auf 2,7 Prozent, Ökonomen warnten vor einem regelrechten Preisschock. Doch ausgerechnet jetzt vertritt ein Wall-Street-Stratege eine These, die auf den ersten Blick absurd klingt: Genau dieser Krieg könnte am Ende zu fallenden statt steigenden Preisen führen.

Warum könnte ausgerechnet der Iran-Krieg eine Deflation auslösen, wenn doch gerade alle über Inflation sprechen? Die Antwort liegt nicht im Krieg selbst, sondern in dem, was er wirtschaftlich in Bewegung setzt: eine Welle von Investitionen, die historisch gesehen fast immer zum genauen Gegenteil dessen führt, was sie ursprünglich auslöste.

Wer die Deflations-These zum Iran-Krieg vertritt

Marko Papic, Chef-Anlagestratege beim kanadischen Analysehaus BCA Research, gehört zu den wenigen Marktbeobachtern, die das Deflationsrisiko überhaupt auf dem Schirm haben. In einer Mitteilung an Kunden schrieb er, die eigentliche Folge der Krise um die Straße von Hormus sei ein „möglicherweise unnötiger sprunghafter Anstieg der Investitionsausgaben“ — und genau dieser Investitionsschub könnte langfristig Abwärtsdruck auf die Preise erzeugen. Papic hält es für möglich, dass die US-amerikanische und die globale Wirtschaft noch vor 2030 eine spürbare Disinflation oder sogar eine echte Deflation erleben.

Warum ein Ölpreisschock wie beim Iran-Krieg überhaupt zu Überinvestition führt

Der Mechanismus dahinter ist ökonomisch gut dokumentiert, auch wenn er im Alltag selten erklärt wird. Steigen Energiepreise abrupt und dauerhaft an, reagieren Unternehmen und Staaten fast reflexartig: Sie bauen neue Förderkapazitäten auf, investieren in alternative Transportrouten, subventionieren neue Energiequellen und beschleunigen Projekte, die vorher als zu teuer galten. Jede einzelne dieser Entscheidungen wirkt kurzfristig vernünftig — als kollektive Reaktion führt sie aber häufig zu einem Angebotsüberschuss, sobald die Projekte Jahre später tatsächlich Kapazität liefern. Genau dieses Muster hat sich in früheren Öl- und Rohstoffzyklen wiederholt: Auf einen Preisschock folgte eine Investitionswelle, auf die Investitionswelle ein Überangebot, auf das Überangebot ein Preisverfall, der die ursprüngliche Preisspitze am Ende weit übertraf.

Warum die Zahlen zum Iran-Krieg bislang eher für Inflation sprechen

Um die These einordnen zu können, hilft ein Blick auf das, was seit Kriegsbeginn tatsächlich passiert ist. Die Straße von Hormus, durch die China rund 40 Prozent seines Öls bezieht, war wochenlang praktisch unpassierbar. Kuwait, Katar und der Irak, die vollständig auf Tankertransport angewiesen sind, drohten mit Produktionsstopps, weil Lagerkapazitäten erschöpft waren. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) prognostizierte für das erste und zweite Quartal 2026 eine Inflationsrate „merklich über 2,5 Prozent“. Auch Flüssiggas, ebenfalls stark von den Golf-Anrainern abhängig, verteuerte sich in den ersten vier Kriegswochen um drei Viertel.

Modellrechnungen des IW Köln zeigen das Ausmaß: Bei einem Ölpreis von 150 US-Dollar pro Barrel würden die deutschen Verbraucherpreise 2026 um 1,6 und 2027 um 1,9 Prozent steigen, während die Wirtschaftsleistung 2027 um 1,3 Prozent unter dem Basisszenario läge — ein realer Verlust von über 80 Milliarden Euro binnen zwei Jahren. Selbst bei einem moderateren Anstieg auf 100 US-Dollar pro Barrel bliebe der Effekt mit einem Verlust von rund 40 Milliarden Euro deutlich spürbar.

Warum sich das Bild seit Beginn des Iran-Kriegs schon einmal gedreht hat

Bemerkenswert ist, wie schnell sich die Lage seither wieder verändert hat — ein erster kleiner Beleg für Papics These. Bereits im Juni 2026 kannten die Ölpreise nur noch eine Richtung: nach unten. Der Brent-Preis fiel zeitweise auf 72,24 US-Dollar je Barrel, den tiefsten Stand seit Kriegsbeginn. Grund waren Hoffnungen auf ein Kriegsende, ein erstes Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran, wieder zunehmender Tankerverkehr durch die Straße von Hormus sowie mögliche zusätzliche iranische Ölreserven, die bei einer Lockerung der US-Sanktionen auf den Markt kommen könnten. Diesel war an deutschen Tankstellen zu diesem Zeitpunkt bereits wieder günstiger als vor Kriegsbeginn.

Das zeigt: Bereits die kurzfristige Reaktion auf die Krise — mehr Angebot, mehr Diplomatie, mehr Handlungsspielraum — wirkte in die entgegengesetzte Richtung des ursprünglichen Preisschocks. Papics These geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass dieselbe Dynamik auf lange Sicht, durch massive Investitionen in Förderung und Infrastruktur, noch deutlicher ausfallen könnte.

Warum dieses Muster beim Öl schon einmal zu beobachten war

Der Iran-Krieg ist nicht das erste Mal, dass ein geopolitischer Preisschock am Ende in sein Gegenteil umschlägt. Nach den hohen Ölpreisen der Jahre 2011 bis 2014, ausgelöst durch Unruhen im Nahen Osten und hohe Nachfrage aus Asien, investierten US-Förderunternehmen in großem Stil in neue Schiefergas- und Schieferöl-Projekte, die zuvor als unwirtschaftlich gegolten hatten. Als diese Kapazitäten ab 2014 tatsächlich Öl lieferten, brach der Preis binnen weniger Monate um mehr als die Hälfte ein — eine Entwicklung, die kaum jemand am Höhepunkt der vorherigen Preisspitze für möglich gehalten hätte. Genau auf dieses Muster bezieht sich Papic, wenn er vor einer ähnlichen Entwicklung nach dem Iran-Krieg warnt: hohe Preise heute als eigentlicher Auslöser für niedrige Preise übermorgen.

Warum diese Prognose trotzdem mit Vorsicht zu genießen ist

Zur Einordnung der Deflations-These beim Iran-Krieg gehört auch: Papic zählt ausdrücklich zu einer Minderheit unter Marktbeobachtern — die meisten Ökonomen und Notenbanken rechnen weiterhin primär mit Inflationsrisiken durch den Krieg, nicht mit Deflation. Seine These ist ein plausibles Szenario, gestützt auf historische Muster früherer Rohstoffzyklen, aber keine Mehrheitsmeinung und keine Gewissheit. Sie hängt zudem von Faktoren ab, die heute noch nicht feststehen: wie lange der Krieg dauert, wie stark tatsächlich investiert wird, und ob die Nachfrage nach Energie in den kommenden Jahren mit dem neuen Angebot Schritt hält.

Häufige Fragen

Warum könnte der Iran-Krieg zu Deflation statt Inflation führen?

Weil der durch den Krieg ausgelöste Ölpreisschock nach Einschätzung von BCA-Research-Stratege Marko Papic eine Welle von Investitionen in neue Förderkapazitäten und Infrastruktur auslösen könnte. Historisch führt eine solche Überinvestition oft Jahre später zu einem Angebotsüberschuss und fallenden Preisen.

Wann begann der Iran-Krieg und wie stark stiegen die Ölpreise dadurch?

Der Krieg begann am 28. Februar 2026 mit Angriffen der USA und Israels auf den Iran. Binnen Tagen stieg der Ölpreis um mehr als ein Drittel, Anfang April lag er rund 50 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn.

Wie hoch war die Inflation in Deutschland durch den Krieg tatsächlich?

Die deutsche Inflationsrate stieg von 1,9 Prozent im Februar auf 2,7 Prozent im März 2026, dem ersten vollen Monat nach Kriegsbeginn. Das IMK prognostizierte für das erste und zweite Quartal eine Rate merklich über 2,5 Prozent.

Sind die Ölpreise inzwischen wieder gesunken?

Ja. Bis Juni 2026 fiel der Brent-Ölpreis zeitweise auf 72,24 US-Dollar je Barrel, den tiefsten Stand seit Kriegsbeginn — begünstigt durch Verhandlungen zwischen den USA und Iran und wieder zunehmenden Tankerverkehr durch die Straße von Hormus.

Ist Marko Papics Deflations-These zum Iran-Krieg die Mehrheitsmeinung unter Ökonomen?

Nein. Er zählt ausdrücklich zu einer Minderheit der Marktbeobachter, die das Deflationsrisiko überhaupt thematisieren. Die meisten Ökonomen und Notenbanken sehen weiterhin primär Inflationsrisiken durch den Krieg.

Wie stark würde ein dauerhaft hoher Ölpreis die deutsche Wirtschaft belasten?

Nach Modellrechnungen des IW Köln würde ein Ölpreis von 150 US-Dollar pro Barrel die deutsche Wirtschaftsleistung 2027 um 1,3 Prozent gegenüber dem Basisszenario senken — ein realer Verlust von über 80 Milliarden Euro über zwei Jahre.

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