AfD Niedersachsen: Warum 258 Sitze nach der Wahl leer bleiben

Last Updated on 17 Stunden ago by TodayWhy Editorial

Die AfD Niedersachsen hat bei den Kommunalwahlen am 13. September 2026 so viele Stimmen geholt wie nie zuvor. Auf Kreisebene kam sie auf 15,9 Prozent – mehr als dreimal so viel wie 2021. Doch ein Teil dieses Erfolgs verpufft. Nach Angaben der Landeswahlleitung kann die Partei 258 Sitze in Gemeinderäten, Stadträten und Kreistagen nicht besetzen.

Die Sitze bleiben leer – und zwar bis zur nächsten Kommunalwahl im Jahr 2031. Wie kann eine Partei Mandate gewinnen und sie trotzdem nicht nutzen? Die Antwort liegt im Wahlrecht, in der Kandidatensuche und in einem Wachstum, das schneller war als die eigene Organisation.

Was bei der Kommunalwahl in Niedersachsen passiert ist

Gewählt wurden die Gemeinde- und Stadträte sowie die Kreistage im ganzen Land. Stärkste Kraft wurde erneut die CDU. Die AfD landete auf Platz drei, legte aber am stärksten zu.

ParteiKreiswahlen 2026Veränderung
CDU27,2 %rund −4 Punkte
SPD24,6 %über −5 Punkte
AfD15,9 %+11,3 Punkte (2021: 4,6 %)

Bei den Wahlen zu den Gemeinderäten erreichte die AfD 11,2 Prozent, ein Plus von 9 Prozentpunkten. AfD-Landesvize Stephan Bothe sagte am Tag danach: „Wir sind mehr als zufrieden.“ Was das für die kommunalen Mandate bedeute, könne man aber noch nicht absehen.

Wenige Tage später stand fest, was er meinte. Laut ZDFheute bleiben nach dem vorläufigen Ergebnis landesweit 314 Sitze in Kommunalvertretungen unbesetzt. 258 davon entfallen auf die AfD.

Warum die AfD Niedersachsen Sitze gewinnt, die sie nicht besetzen kann

Der Mechanismus ist einfach. Bei der Kommunalwahl in Niedersachsen treten Parteien mit Listen an. Auf diesen Listen stehen die Bewerberinnen und Bewerber, die später in den Rat einziehen sollen. Die Sitze werden dann nach dem Stimmenanteil auf die Listen verteilt.

Gewinnt eine Partei mehr Sitze, als sie Namen auf ihre Liste geschrieben hat, entsteht eine Lücke. Genau das ist der AfD Niedersachsen passiert – und zwar in großem Stil. In vielen Gemeinden hatte sie nur wenige Kandidaten aufgestellt, weil sie mit einem deutlich schwächeren Ergebnis gerechnet hatte oder schlicht nicht mehr Leute fand.

Ein Beispiel macht es greifbar: Stehen auf einer AfD-Liste in einer Gemeinde drei Namen, die Partei gewinnt aber fünf Sitze, dann ziehen drei Personen in den Rat ein. Zwei Stühle bleiben leer.

Wie die Kommunalwahl in Niedersachsen funktioniert

Um das Problem zu verstehen, hilft ein Blick auf das Wahlsystem. Bei der Kommunalwahl in Niedersachsen hat jede Wählerin und jeder Wähler für jede Vertretung drei Stimmen. Diese Stimmen können frei verteilt werden.

  • Kumulieren: Man kann alle drei Stimmen einer Person oder einer Liste geben.
  • Panaschieren: Man kann die Stimmen auf Kandidaten verschiedener Parteien aufteilen.
  • Listenstimme: Man kann eine Stimme auch einfach der ganzen Liste einer Partei geben.

Wählen dürfen bei der Kommunalwahl in Niedersachsen schon 16-Jährige. Das Land war 1996 das erste Bundesland, das dieses Wahlalter auf kommunaler Ebene einführte. Die Sitze werden am Ende nach dem Gesamtergebnis jeder Liste verteilt. Wie viele Sitze eine Partei bekommt, hängt also von ihren Stimmen ab – wer die Sitze bekommt, von den Namen auf ihrer Liste.

Warum die Sitze nicht nachbesetzt werden dürfen

Viele fragen sich: Kann die Partei nicht einfach nachträglich Leute benennen? Die Antwort ist nein. Das Niedersächsische Kommunalwahlgesetz regelt diesen Fall eindeutig. Erhält ein Wahlvorschlag mehr Sitze, als er Bewerberinnen und Bewerber hat, bleiben die übrigen Sitze bis zum Ablauf der Wahlperiode unbesetzt.

Der Grund für diese strenge Regel ist demokratisch. Wählerinnen und Wähler geben ihre Stimme für eine Liste mit bekannten Namen ab. Würde eine Partei nach der Wahl beliebig neue Personen nachschieben dürfen, hätten die Wähler über diese Personen nie abgestimmt. Deshalb gilt: Wer nicht auf dem Stimmzettel stand, kann auch nicht nachrücken.

Die Wahlperiode der Kommunalvertretungen dauert fünf Jahre. Die leeren Sitze der AfD Niedersachsen bleiben also bis 2031 unbesetzt.

Wo die AfD Niedersachsen besonders viele Sitze leer lässt

Betroffen sind Kommunalvertretungen quer durch das ganze Land. Einige Regionen fallen aber besonders auf:

  • Landkreis Osnabrück: 25 unbesetzte AfD-Sitze in den Gemeinden
  • Landkreis Leer: 24 Sitze
  • Landkreis Aurich: 22 Sitze
  • Landkreis Peine: 20 Sitze in den Gemeinden, dazu 3 im Kreistag
  • Stadt Emden: 3 Sitze im Stadtrat
  • Kreistag Schaumburg: 1 Sitz

Auffällig ist, dass vor allem ländliche Regionen und kleinere Gemeinden betroffen sind. Dort ist es für jede Partei schwerer, genügend Kandidatinnen und Kandidaten zu finden – für eine Partei ohne gewachsene lokale Strukturen erst recht.

Warum der AfD Niedersachsen die Kandidaten fehlen

Dass die Listen so kurz waren, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist das Tempo des Wachstums. Die AfD hat ihr Ergebnis innerhalb von fünf Jahren mehr als verdreifacht. Die Zahl der aktiven Mitglieder vor Ort ist nicht im gleichen Maß gewachsen.

Ein zweiter Grund ist die Sorge vor persönlichen Folgen. Der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes in Bohmte im Landkreis Osnabrück sagte schon vor der Wahl dem NDR, viele Parteimitglieder wollten öffentlich kein „Gesicht“ zeigen. Sie fürchteten berufliche Konsequenzen. Wer auf einer Kommunalwahlliste steht, ist mit Namen und Wohnort öffentlich sichtbar.

Dazu kommt ein dritter Punkt: Der Landesverband der AfD Niedersachsen wird vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisches Beobachtungsobjekt eingestuft. Die Partei wehrt sich juristisch dagegen. Für manche Mitglieder, etwa im öffentlichen Dienst, kann eine sichtbare Kandidatur deshalb heikel sein.

In mehreren Gemeinden trat die AfD Niedersachsen aus diesen Gründen gar nicht erst mit eigenen Listen an.

Warum das bei anderen Parteien kaum vorkommt

Unbesetzte Sitze gibt es auch bei anderen Parteien, aber nur vereinzelt. Nach einem Zwischenstand der Landeswahlleitung sah die Verteilung so aus:

Partei / GruppeUnbesetzte Sitze
AfD258
SPD10
Wählergruppen7
Grüne6
BSW6
CDU4
FDP3
Volt1

CDU und SPD haben in Niedersachsen seit Jahrzehnten Ortsverbände in fast jeder Gemeinde. Sie stellen routinemäßig lange Listen auf, auch mit Kandidaten, die kaum Chancen haben. So entsteht ein Puffer für den Fall, dass das Ergebnis besser ausfällt als erwartet.

Auch im Vergleich mit früheren Wahlen ist der Wert außergewöhnlich. Nach den Kommunalwahlen 2021 blieben in ganz Niedersachsen nur 41 Sitze leer, 2016 waren es 54. Die Zahl hat sich also etwa versechsfacht – fast ausschließlich wegen der AfD.

Was die leeren Sitze für die Kommunalpolitik bedeuten

Ein leerer Sitz zählt bei Abstimmungen nicht mit. Ein Rat mit 30 Sitzen, von denen zwei leer bleiben, entscheidet in der Praxis mit 28 Mitgliedern. Das verschiebt die Gewichte leicht: Die anderen Fraktionen haben relativ mehr Einfluss, die AfD weniger, als ihr Stimmenanteil eigentlich hergeben würde.

Wie stark sich das im Alltag auswirkt, hängt vom einzelnen Rat ab. In Gemeinden, in denen es knappe Mehrheiten gibt, kann ein fehlender Sitz entscheidend sein. In vielen anderen Räten dürfte sich wenig ändern. Der parteilose Bürgermeister der Gemeinde Loxstedt im Kreis Cuxhaven etwa sagte laut buten un binnen, der Einfluss halte sich in Grenzen.

Für die AfD Niedersachsen selbst bedeutet es vor allem: Sie kann einen beachtlichen Teil ihres Wahlerfolgs nicht in politischen Einfluss vor Ort umsetzen.

Warum die Zahl sich noch ändern kann

Alle genannten Zahlen beruhen auf dem vorläufigen Ergebnis. Als die ersten Angaben veröffentlicht wurden, fehlten noch die Gemeindeergebnisse aus dem Landkreis Rotenburg. Allein dort bleiben nach Angaben des Landeswahlleiters elf weitere AfD-Sitze in Gemeinderäten frei. Die endgültige Bekanntmachung aller Ergebnisse erwartet die Landeswahlleitung frühestens im November 2026.

Warum die Wahl in Niedersachsen Teil eines größeren Trends ist

Die Kommunalwahl in Niedersachsen war der Auftakt eines Wahlmonats. Eine Woche zuvor wurde die AfD in Sachsen-Anhalt erstmals stärkste Kraft in einem Landtag – mehr dazu in Warum gewann die AfD Sachsen-Anhalt die Landtagswahl?. Eine Woche danach lag sie auch in Mecklenburg-Vorpommern vorn, wie wir in Warum die CDU bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern erstmals rausfliegt erklären. In Berlin legte sie ebenfalls zu, siehe Wahl Berlin 2026.

Niedersachsen zeigt dabei einen Aspekt, der in den großen Landtagswahlen weniger sichtbar ist: Wahlerfolg allein reicht nicht. Eine Partei braucht auch Menschen, die bereit sind, vor Ort Verantwortung zu übernehmen. Wo diese Basis fehlt, bleiben Stimmen ohne Wirkung.

Weitere Hintergründe finden Sie in unserer Rubrik Politik.

Häufige Fragen

Wie viele Sitze kann die AfD Niedersachsen nicht besetzen?

Nach dem vorläufigen Ergebnis 258 Sitze in Gemeinderäten, Stadträten und Kreistagen. Landesweit bleiben insgesamt 314 Sitze leer. Die Zahl kann sich bis zur endgültigen Bekanntmachung noch ändern.

Warum kann die AfD die Sitze nicht nachträglich besetzen?

Das Niedersächsische Kommunalwahlgesetz verbietet es. Erhält eine Liste mehr Sitze als Bewerber, bleiben die übrigen Sitze bis zum Ende der Wahlperiode leer. Nur wer auf dem Stimmzettel stand, kann ein Mandat bekommen.

Wie lange bleiben die Sitze der AfD Niedersachsen leer?

Bis zum Ende der fünfjährigen Wahlperiode, also bis zur nächsten Kommunalwahl in Niedersachsen im Jahr 2031.

Warum hat die AfD Niedersachsen so wenige Kandidaten aufgestellt?

Die Partei ist schneller gewachsen als ihre lokale Basis. Zudem wollten laut einem AfD-Kreisvorsitzenden viele Mitglieder aus Sorge vor beruflichen Folgen nicht öffentlich kandidieren. In manchen Gemeinden trat die AfD gar nicht an.

Wer hat die Kommunalwahl in Niedersachsen gewonnen?

Die CDU wurde mit 27,2 Prozent stärkste Kraft auf Kreisebene, vor der SPD mit 24,6 Prozent und der AfD mit 15,9 Prozent.

Haben andere Parteien auch unbesetzte Sitze?

Ja, aber nur wenige. Nach einem Zwischenstand waren es bei der SPD 10, bei Grünen und BSW je 6, bei der CDU 4 und bei der FDP 3 Sitze.

Wann war die Kommunalwahl in Niedersachsen?

Am Sonntag, dem 13. September 2026. Das endgültige Ergebnis wird frühestens im November 2026 erwartet.

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