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Keir Starmer hat seinen Rücktritt als britischer Premierminister und Labour-Vorsitzender offiziell bestätigt. Am Montag, dem 22. Juni, trat er vor die Downing Street Nr. 10 und beendete damit wochenlange Spekulationen. Die Ankündigung folgt auf den klaren Sieg von Andy Burnham bei der Nachwahl in Makerfield am 19. Juni und macht den Weg frei für den siebten Premierminister Großbritanniens innerhalb eines Jahrzehnts.
Starmer kündigte vor Journalisten – die Rede wurde unter anderem von der BBC live übertragen – an, dass die Nominierungsphase für einen neuen Labour-Vorsitzenden am 9. Juli beginnen soll. Der Zeitplan sieht vor, dass ein Nachfolger feststeht, bevor das Parlament im September aus der Sommerpause zurückkehrt. Er habe König Charles III. bereits über seine Entscheidung informiert und werde das Amt bis zum Abschluss des Auswahlverfahrens kommissarisch weiterführen. „Meine Partei stellt sich die Frage, ob ich der Richtige bin, um sie in die nächste Parlamentswahl zu führen“, sagte Starmer und erklärte, er akzeptiere die Antwort seiner Fraktion „mit Fassung“.
Der Auslöser: Burnhams Wahlsieg
Unmittelbarer Anlass war der Sieg von Andy Burnham, dem früheren Bürgermeister von Greater Manchester, bei der Nachwahl in Makerfield. Der Sieg brachte ihn zurück ins Unterhaus und positionierte ihn als klaren Favoriten für die Nachfolge. Burnham, wegen seines Engagements für Nordengland auch „King of the North“ genannt, sprach in seiner Siegesrede von einem „Moment des Wandels“ für eine Partei, die in Umfragen massiv eingebrochen ist.
Dieser Einbruch zeichnete sich seit Monaten ab. Eine kurz vor dem Rücktritt veröffentlichte Ipsos-Umfrage (laut Reuters) ergab, dass 52 Prozent der Briten Starmers Rücktritt befürworteten – fünf Punkte mehr als im Mai – während 35 Prozent für seinen Verbleib waren. Bei den Kommunalwahlen im Mai hatte Labour bereits mehr als 1.000 Sitze verloren, ein Ergebnis, das parteiintern als Quittung für Starmers Führung gewertet wurde, keine zwei Jahre nach seinem Erdrutschsieg bei der Parlamentswahl 2024.
Ein geschwächtes Kabinett
Starmers Autorität war bereits durch mehrere prominente Rücktritte angegriffen. Gesundheitsminister Wes Streeting trat im Mai mit scharfer Kritik an der Entscheidungsschwäche der Regierung zurück und galt selbst als möglicher Bewerber um den Parteivorsitz. Verteidigungsminister John Healey legte sein Amt wenig später wegen eines Streits über die Verteidigungsausgaben nieder und warf Starmer vor, zugesagte Investitionen nicht eingehalten zu haben.
Hinzu kam die Affäre um Peter Mandelson, den Starmer im Dezember 2024 trotz dessen bekannter Freundschaft mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zum Botschafter in Washington gemacht hatte. Starmer zog Mandelson schließlich zurück, nachdem weitere Details ihres Schriftwechsels bekannt wurden, musste sich im Unterhaus aber wiederholt fragen lassen, was er wann gewusst hatte.
Trump mischt sich ein
Noch vor der offiziellen Bestätigung hatte sich US-Präsident Donald Trump in die Debatte eingeschaltet und auf Truth Social geschrieben, Starmer werde zurücktreten und sei in der Einwanderungs- und Energiepolitik „krachend gescheitert“ – eine Anspielung auf britische Beschränkungen bei der Ölförderung in der Nordsee. Der Vorstoß spiegelt die zuletzt deutlich abgekühlte Beziehung zwischen beiden Politikern wider, die sich unter anderem am Irak-Iran-Konflikt und der Nahostpolitik weiter verschlechtert hatte (englisch: Truth Social-Beitrag).
Was das für Deutschland bedeutet
Für Berlin ist der Führungswechsel in London nicht ohne Bedeutung: Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Ukraine hatten erst am Wochenende über eine verstärkte gemeinsame Rüstungsproduktion gegen russische Hyperschallraketen beraten. Wie sich Burnham – sollte er Starmer beerben – außenpolitisch positioniert, insbesondere zur Unterstützung der Ukraine und zur europäischen Verteidigungskooperation, gilt als eine der wichtigsten offenen Fragen für die deutsch-britischen Beziehungen.
Wie geht es weiter?
Mit Beginn der Nominierungsphase am 9. Juli stellt sich die Frage, ob Labour eine echte Kampfabstimmung abhält oder Burnham praktisch widerspruchslos zum neuen Vorsitzenden macht. Die Finanzmärkte reagierten gelassen: Pfund und britische Staatsanleihen blieben weitgehend stabil, da Investoren Starmers Abgang bereits erwartet hatten. Die politische Risikoberatung Eurasia Group hatte zuvor argumentiert, ein Übergang im September sei die störungsärmste Lösung, da Starmer so noch am EU-Gipfel im Juli teilnehmen könne, während sein Nachfolger Zeit zur Vorbereitung erhält.
Wer auch immer übernimmt, erbt schwierige Rahmenbedingungen: Großbritannien hat bereits die höchsten Finanzierungskosten unter den G7-Staaten, und ein neuer Premierminister wird mit denselben Zwängen konfrontiert sein wie Starmer – misstrauische Anleihemärkte und eine Bevölkerung, die seit Jahren auf eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wartet. Der Wechsel fällt zudem in dieselbe Woche, in der sich das Brexit-Referendum zum zehnten Mal jährt – ein Zufall, den viele Kommentatoren als Sinnbild für die Instabilität der britischen Politik nach dem Brexit werten.
Wer ist Andy Burnham – und warum gilt er als Favorit?
Burnham ist in der Labour Party kein Unbekannter. Der 56-Jährige war bereits Gesundheitsminister unter Gordon Brown und unterlag zweimal in parteiinternen Führungswahlen – 2010 gegen Ed Miliband und 2015 gegen Jeremy Corbyn. Seit 2017 hat er sich als Bürgermeister von Greater Manchester den Ruf als „König des Nordens“ erarbeitet, mit einer Politik, die sich explizit gegen ein London-zentriertes Labour richtet.
Inhaltlich positioniert sich Burnham auf dem moderaten linken Flügel der Partei („soft left“). Gegenüber Donald Trump äußerte er sich wiederholt kritisch und bezeichnete dessen politischen Stil als „gefährlich polarisierend“ und Quelle internationaler Instabilität – eine Haltung, die bei einer möglichen Übernahme Auswirkungen auf das Verhältnis zu Washington haben könnte. Mehr zu seinem politischen Werdegang und seiner Haltung zu Austerität und Trump-Politik finden Sie in der ausführlichen TodayWhy-Analyse zu Andy Burnham.
Wie geht es jetzt weiter?
Sollte Starmer tatsächlich zurücktreten, wäre er der sechste britische Premierminister, der innerhalb eines Jahrzehnts aus dem Amt scheidet – ein historisch außergewöhnliches Tempo für das Vereinigte Königreich. Nach den internen Regeln der Labour Party müsste ein formeller Führungswettbewerb folgen, dessen genauer Zeitplan jedoch variieren kann. In der Übergangsphase könnte ein hochrangiges Kabinettsmitglied die Amtsgeschäfte kommissarisch übernehmen.
Wichtig: Stand jetzt gibt es keine offizielle Bestätigung von Starmer oder der Downing Street. Starmer selbst hatte zuletzt öffentlich erklärt, er werde „kämpfen“ und sich einer möglichen Führungswahl stellen, sollte es dazu kommen. Die Lage bleibt damit fluide.
Was das für Deutschland und Europa bedeutet
Ein abrupter Führungswechsel in London hätte unmittelbare Folgen für die europäische Abstimmung in mehreren Politikfeldern. Burnham gilt als kritischer gegenüber einer engen sicherheitspolitischen Anlehnung an die Trump-Administration als Starmer – relevant etwa für Fragen der Ukraine-Unterstützung und der NATO-Lastenteilung, an denen auch Berlin ein direktes Interesse hat. Zudem würde ein Regierungswechsel mitten in der Vorbereitung wichtiger transatlantischer Abstimmungstermine zusätzliche Unsicherheit in die Beziehungen zwischen London, Berlin und Washington bringen.
Häufig gestellte Fragen
Warum wird Andy Burnham als Nachfolger genannt?
Burnham gewann am 18. Juni eine eigens für seine Rückkehr ins Parlament angesetzte Nachwahl in Makerfield und ist damit erstmals seit 2017 wieder Abgeordneter – eine Voraussetzung, um offiziell für die Labour-Führung zu kandidieren.
Welche Rolle spielt die Mandelson-Affäre?
Peter Mandelsons Ernennung zum Botschafter in den USA trotz gescheiterter Sicherheitsüberprüfung und seine frühere Verbindung zu Jeffrey Epstein gelten als einer der zentralen Auslöser für den Vertrauensverlust innerhalb der Labour-Fraktion.
Was hat Donald Trump mit der Sache zu tun?
Trump erklärte auf Truth Social, Starmer werde zurücktreten, und kritisierte dessen Einwanderungs- und Energiepolitik – noch bevor Starmer selbst eine Entscheidung bestätigt hatte.
Wie viele Premierminister hatte Großbritannien zuletzt in kurzer Zeit?
Sollte Starmer zurücktreten, wäre er der sechste Premierminister, der binnen zehn Jahren aus dem Amt scheidet – nach David Cameron, Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss und Rishi Sunak.