Warum Deutschland immer wieder Ideologien hervorbringt, die die Gesellschaft umbauen wollen

Last Updated on 2 Stunden ago by TodayWhy Editorial

Warum Deutschland Ideologien hervorbringt, die die ganze Gesellschaft umbauen wollen, ist keine Laune einzelner Denker. Es ist ein Muster: Idealismus statt Empirie, Theorie vor Wirklichkeit, und nach 1945 ein Schuldgefühl, das Politik zur Buße macht.

Europa, und Deutschland besonders, ist mehr als einmal der Ort gewesen, an dem Ideen entstehen, die nicht ein Gesetz ändern, sondern die Gesellschaft neu setzen wollen. Vom Marxismus bis zu Strömungen, die Kritiker heute als radikal links beschreiben. Das ist kein Zufall. Die kurze Antwort liegt in zwei Traditionen, die Gesellschaft verschieden sehen. Die englisch-amerikanische beginnt bei der Erfahrung und wirft eine Theorie weg, die draußen nicht läuft. Die deutsche beginnt bei der Idee und hält die Wirklichkeit für das, was sich anpassen muss.

Dieser Text erklärt das Muster. Er ist eine Deutung, keine Physik. Die Namen und Zahlen sind belegt. Die Schlüsse sind eine Lesart.

Zwei philosophische Traditionen

Deutschland ist seit langem ein Zentrum westlicher Philosophie. Die Art zu denken unterscheidet sich von der englischen und amerikanischen. Die angelsächsische Linie ist empirisch und pragmatisch. John Locke, David Hume, Adam Smith, Edmund Burke. Locke beschreibt den Verstand bei der Geburt als unbeschriebenes Blatt, die Tabula rasa. Wissen kommt aus Beobachtung. Hume misstraut Schlüssen, die über die Erfahrung hinausgehen. Burke hält Tradition und gewachsene Institutionen hoch. Smith beschreibt den Markt als etwas, das niemand entwirft. Der gemeinsame Punkt: Sie beginnen bei dem, was ist. Läuft eine Theorie nicht, fliegt die Theorie.

Daraus folgt eine intellektuelle Bescheidenheit. Niemand ist klug genug, eine ganze Gesellschaft zu verstehen oder zu steuern. Die besten Ordnungen, Recht, Markt, Gewohnheit, sind nicht der Entwurf eines Einzelnen. Sie sind das Ergebnis von Versuch, Irrtum und Korrektur über Jahrhunderte. Weil Macht verführt, bauten die Amerikaner Montesquieus Gewaltenteilung aus dem Geist der Gesetze von 1748 in die Checks and Balances der Verfassung von 1787 ein.

Die deutsche Linie ist idealistisch und romantisch. Kant, Fichte, Hegel. Hier steht die Idee vor der Welt. Logik soll die Gesetze der Geschichte durchschauen. Passt das Leben nicht zum Modell, ist nicht das Modell falsch. Falsch ist die Gesellschaft, und sie muss mit Macht oder Kulturrevolution auf Linie gebracht werden. Karl Marx nannte sich Materialist und stellte Hegels Dialektik auf die Füße, auf Arbeit und Produktionsverhältnisse. Die Methode, ein System zu bauen, behielt er. Karl Popper nannte in The Open Society and Its Enemies von 1945 Platon, Hegel und Marx als Quellen totalitären Denkens.

Marxismus-Leninismus links und Nationalsozialismus rechts teilen denselben Impuls: die Menschheit nach einem einzigen Ideal neu zu planen. Die eine Tradition sieht den Menschen als unvollkommen und die Gesellschaft als Garten, den man pflegt. Die andere sieht den Menschen als Material und die Gesellschaft als Maschine, die man zerlegt und neu baut.

Frankfurter Schule und Kulturrevolution

Die westliche Linke wechselte im 20. Jahrhundert die Front. Der Ort dieses Wechsels ist die Frankfurter Schule. Das Institut für Sozialforschung wurde 1923 in Frankfurt gegründet, das erste marxistisch orientierte Forschungsinstitut an einer großen deutschen Universität. Max Horkheimer wurde um 1930 Direktor. Den Begriff Kritische Theorie formulierte er 1937 in „Traditionelle und kritische Theorie“.

Theodor Adorno, Horkheimer und Herbert Marcuse sahen, dass die Arbeiterschaft die ökonomische Revolution nicht mehr tragen würde. Sie verlegten das Ziel auf die Kultur. Familie, Religion, nationale Identität, klassische Ästhetik sollten kritisiert und abgebaut werden. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde das Institut geschlossen. Horkheimer führte es über Genf und ließ es 1934 an der Columbia University neu aufstellen. Adorno kam 1938 in die USA. 1949 kehrten Adorno und Horkheimer nach Frankfurt zurück.

Von den amerikanischen und europäischen Universitäten aus wirkte diese Linie weiter, in das, was heute als Kulturkampf und woke beschrieben wird. Deutschland wurde so zur Werkstatt, die Theorien der Kulturrevolution exportierte. Ob jede heutige Debatte direkt von Adorno stammt, ist eine andere Frage. Die Genealogie ist dokumentiert.

Vergangenheitsbewältigung und die Überreaktion

Nach Holocaust und Zweitem Weltkrieg begann in Deutschland die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, juristisch, politisch, kulturell. Der Name dafür ist Vergangenheitsbewältigung. Neben ihr lief eine Identitätskrise und ein kollektives Schuldgefühl. Für Teile der intellektuellen Schicht wurde alles, was nach Nation, Ordnung, Grenze oder Tradition klang, zum möglichen Keim von Faschismus.

Um der Welt zu zeigen, dass Deutschland bereut hat und nie wieder Täter sein will, wurde Politik zur demonstrativen Tugend. Aus Angst vor dem Rassismusvorwurf öffnete das Land die Grenze. Am 4. September 2015 ließ Angela Merkel die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge aus humanitären Gründen einreisen, ohne die Dublin-Regeln anzuwenden. 2015 kamen nach Angaben des Bundesinnenministeriums rund 890.000 Asylsuchende. 476.649 Asylanträge wurden gestellt. 2016 waren es 745.545 Anträge, ein Teil davon Nachzügler aus 2015, während die tatsächlichen Ankünfte in dem Jahr auf etwa 280.000 geschätzt wurden.

Aus Angst vor dem Autoritarismusvorwurf lockerte die Politik das Ordnungsrecht und duldete Störungen unter dem Etikett Humanität. Aus Angst vor dem Konservatismusvorwurf ging sie bei Geschlecht und Identität voran und zerlegte nationale Kultur, um zu beweisen, dass sie nicht egoistisch ist. Um zu zeigen, dass sie die Welt rettet, war sie bereit, die eigene Industriebasis mit einer radikalen Energiepolitik zu belasten, bis die letzten Kernkraftwerke im April 2023 vom Netz gingen. Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland.

Ob jede dieser Entscheidungen falsch war, ist politisch umstritten. Dass sie aus einem Muster kommen, Schuld durch Radikalität zu tilgen, ist die These dieses Textes. Die Gegenbewegung ist inzwischen wählbar. Die AfD in Sachsen-Anhalt ist ein Teil der Antwort auf genau diese Jahre.

Eine säkularisierte Religion

Deutschland ist das Land der Reformation. Martin Luther schlug 1517 die Thesen an. Der nordische und deutsche Protestantismus trägt zwei Züge: moralische Hitze und ein Gefühl ursprünglicher Schuld. Max Weber zeigte in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, wie diese Ethik, besonders die calvinistische, Disziplin und Unternehmergeist formte.

Die radikale westliche Linke funktioniert, so die Lesart, wie eine Religion ohne Gott. Als die Kirchen leerer wurden, verschwand das spirituelle Bedürfnis nicht. Es wanderte in die Politik. Die Erbsünde wurde zur Schuld der Weißen, des Kolonialismus, der Planetenschädigung. Das Warten auf Erlösung wurde zum Kampf gegen den Klimawandel, zur Vielfalt, zur offenen Grenze. Wer nicht mitmacht, ist Ketzer und wird durch Cancel Culture aus der Gemeinde entfernt. Das ist keine Beschreibung jeder Klimapolitik. Es ist eine Beschreibung der Form, in der einige Debatten geführt werden.

Geopolitik und Wohlfahrtsstaat

Deutschland liegt in der Mitte Europas, ohne die natürlichen Grenzen einer Insel oder die zwei Ozeane der USA. Es war historisch zwischen Ost und West eingeklemmt, zwischen Reichen. Diese Unsicherheit erzeugt den Wunsch nach einer großen Lösung, die alle Widersprüche auf einmal beseitigt. Die Geschichte zeigt den Pendelschlag: preußischer Militarismus, Nationalsozialismus, und heute ein Radikalismus aus Buße, grün und progressiv, der als der europäische Extremfall der Wiedergutmachung gelten kann.

Dazu kommt ein Wohlstand, der lange nicht infrage stand. Westdeutschland und der Norden Europas lebten Jahrzehnte unter amerikanischem Schutz durch die NATO und mit einem ausgebauten Sozialstaat. Wer nicht mehr um Essen, Wohnung und tägliche Sicherheit kämpft, produziert Bedürfnisse, die weiter von der Alltagsrealität entfernt sind. Pronomen, Klima als Heilslehre, die Abschaffung der Grenze. Das ist die These der Sättigung. Sie erklärt nicht jede Reform. Sie erklärt, warum einige Debatten so weit vom Leben der meisten entfernt wirken.

Das Paradox: stark in der Technik, fehleranfällig in der Politik

Deutschland ist stark im Maschinenbau, in der Chemie, im Auto, in der industriellen Organisation. Das Ingenieursdenken, logisch, genau, von oben entworfen, liefert bei Maschinen präzise Ergebnisse. Der tödliche Fehler der deutschen Philosophie war, dieses Denken auf Menschen und Gesellschaft zu übertragen. Die Gesellschaft als Maschine, der Mensch als Zahnrad, die Intellektuellen als Konstrukteure. Gesellschaft läuft aber über Psychologie, verstreutes Wissen und Eigennutz. Wer sie technisch plant, landet bei Diktatur oder an der Wirklichkeit.

Friedrich Hayek, Österreicher, ab 1931 an der London School of Economics, Nobelpreis 1974, fasste das in The Fatal Conceit von 1988 so: Die seltsame Aufgabe der Ökonomik sei es, den Menschen zu zeigen, wie wenig sie von dem wissen, was sie zu entwerfen glauben. Thomas Sowell argumentierte 2009 in Intellectuals and Society, dass Intellektuelle selten die Folgen ihrer Ideen tragen. Ein Ingenieur, dessen Brücke einstürzt, verliert den Job oder kommt vor Gericht. Ein Philosoph, dessen Theorie scheitert, schreibt das nächste Buch. In der Technik prüft die Wirklichkeit die Theorie. In der politischen Philosophie bleibt die Theorie richtig, und die Katastrophe liegt daran, dass die Menschen noch nicht reif waren.

Dazu kommt ein Riss zwischen zwei Schichten. Auf der einen Seite der Mittelstand, Ingenieure und Kaufleute, die am Markt stehen und Wohlstand erzeugen. Auf der anderen die Professoren der Geisteswissenschaften, staatlich alimentiert, in geschlossenen Instituten, mit Verachtung für Markt und Geschäft. Weil sie von der ökonomischen Realität entlastet sind, haben sie die Zeit für die großen Erzählungen, die die Menschheit neu setzen sollen.

Und schließlich die Sprache. Deutsche Philosophie, von Hegel über Marx bis Habermas, ist berüchtigt für Länge und Terminologie. Der Nebel macht Ideen tief und schwer angreifbar. Die dümmste These kann im Mantel der Wissenschaft durch Generationen wandern.

Ostasien und der pragmatische Weg

Als Ostasien westliches Denken aufnahm, ließen die Führungen die großen Erzählungen der deutschen Philosophie liegen und nahmen das Empirische, Messbare, Theoriefeindliche der englisch-amerikanischen Linie. Das Ergebnis waren Wirtschaftsaufstiege und stabile Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne die Kulturkriege, die Kontinentaleuropa führt.

Singapur ist der Gipfel dieses Pragmatismus. Lee Kuan Yew, Premierminister von 1959 bis 1990, sagte im August 2007 der International Herald Tribune: „Wir sind Pragmatiker. Wir klammern uns an keine Ideologie. Funktioniert es? Probieren wir es. Wenn es funktioniert, behalten wir es. Wenn nicht, werfen wir es weg und versuchen etwas anderes.“ Der Staatsapparat beruht auf Meritokratie, Bewertung nach Leistung, und auf Politik, die an Ergebnissen gemessen wird. Regierung ist Problemlösung, kein Philosophiepodium.

Japan warf nach der Niederlage 1945 den militaristischen Fanatismus ab und lernte das amerikanische Modell. 1950 lud die japanische Vereinigung der Wissenschaftler und Ingenieure, JUSE, W. Edwards Deming ein, statistische Qualitätskontrolle zu lehren. Später stiftete sie den Preis, der seinen Namen trägt. Kaizen, die stetige Verbesserung, ist Empirismus in der Fabrik. Keine Revolution auf dem Papier. Beobachten am Ort, Gemba, kleine Fehler finden, jeden Tag korrigieren.

Häufige Fragen

Warum bringt Deutschland immer wieder Gesellschaftsideologien hervor?

Weil die philosophische Tradition die Idee vor die Erfahrung stellt, weil nach 1945 Schuldpolitik Radikalität belohnte, und weil Ingenieursdenken auf Menschen übertragen wurde.

Was ist die Frankfurter Schule?

Das Institut für Sozialforschung, 1923 in Frankfurt gegründet. Unter Horkheimer ab etwa 1930 entwickelte es die Kritische Theorie und verlagerte das revolutionäre Ziel von der Ökonomie auf die Kultur.

Was heißt Vergangenheitsbewältigung?

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit nach 1945. Aus ihr entstand ein Muster, in dem Nation, Grenze und Tradition als Risiko gelten und Politik zur demonstrativen Buße wird.

Stimmt die Flüchtlingszahl von 2015?

Ja. Das Bundesinnenministerium nannte rund 890.000 Asylsuchende für 2015. Die Antragszahlen liegen darunter, weil nicht jeder Ankömmling im selben Jahr einen Antrag stellte.

Was meint Hayek mit der fatalen Anmaßung?

Dass Menschen glauben, eine Gesellschaft entwerfen zu können, obwohl sie von dem, was sie planen, viel weniger wissen, als sie denken. Das Buch erschien 1988.

Fazit

Warum Deutschland Ideologien hervorbringt, die die Gesellschaft umbauen wollen, ist am Ende kein Rätsel der Nation, sondern ein Rätsel der Methode. Wer mit der Idee beginnt und die Wirklichkeit für den Fehler hält, wird immer wieder ein System bauen, das Menschen zwingt. Wer mit der Erfahrung beginnt und eine Theorie wegwirft, die nicht läuft, baut Gärten statt Maschinen. Die englisch-amerikanische Linie tat das zweite. Die deutsche tat oft das erste. Ostasien nahm das zweite und ließ das erste liegen. Das ist keine Beleidigung der Ingenieure. Es ist eine Warnung an die, die Gesellschaften wie Brücken zeichnen.

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