Last Updated on 2 Stunden ago by TodayWhy Editorial
BMW feierte gerade erst die Premiere des neuen X5 im Werk Spartanburg, South Carolina — begleitet von warmen Worten des Senators Lindsey Graham an seine „deutschen Freunde“, wie Business Insider berichtete. Doch wer genauer hinschaut, sieht: Der Konzern feiert nicht den Start einer neuen Investitionsoffensive, sondern den Abschluss eines bereits 2022 angekündigten Programms. Warum gerät ausgerechnet das größte und erfolgreichste BMW-Werk der Welt jetzt unter Druck?
Die Antwort hat wenig mit Spartanburg selbst zu tun und viel mit der Handelspolitik, die um das Werk herum entstanden ist. Trumps Zollpolitik trifft BMW auf zwei Ebenen gleichzeitig: bei importierten Fahrzeugen aus Europa und — überraschenderweise — auch bei den in den USA selbst gebauten Autos, weil zentrale Bauteile weiterhin aus Deutschland, Österreich und zunehmend China kommen.
Warum ist Spartanburg überhaupt so wichtig für BMW?
In Spartanburg steht mit rund 11.000 Mitarbeitern das weltweit größte Werk des Münchner Autokonzerns — täglich verlassen dort etwa 1.500 Fahrzeuge der X-Baureihe die Bänder, rund 400.000 pro Jahr. Seit 1992 hat BMW knapp 15 Milliarden Dollar in den Standort investiert. In den vergangenen zehn Jahren wurden von dort Fahrzeuge im Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar in alle Welt verschifft. Rund zwei Drittel des gesamten BMW-US-Absatzes entfallen im ersten Quartal 2026 auf die dort gebauten X-Modelle.
Genau diese lokale Fertigung galt lange als Schutzschild gegen drohende Handelsbarrieren — ein Vorteil, den BMW gegenüber Konkurrenten wie Mercedes hat, deren US-Produktion einen deutlich kleineren Anteil am Gesamtabsatz ausmacht.
Warum schützt die lokale Produktion nicht mehr ausreichend vor den Zöllen?
Das Problem: Spartanburg ist in erster Linie ein Montagewerk, kein vollintegriertes Motorenwerk. Motoren, Getriebe und vor allem Batteriezellen kommen weiterhin größtenteils aus anderen BMW-Werken — insbesondere aus Deutschland, Österreich und China. Allein im ersten Quartal 2026 kosteten die Zölle den Konzern nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro. Auf die Automotive-Marge insgesamt schlagen die höheren Zölle laut BMW mit etwa 1,25 Prozentpunkten zu Buche.
Ein konkretes Beispiel liefert die Batteriezellfertigung: BMWs wichtigster Batteriezell-Lieferant AESC stoppte im vergangenen Sommer vorübergehend den Bau seiner geplanten Fabrik in South Carolina. Als Begründung nannte das Unternehmen die unsichere US-Marktlage, verursacht durch genau jene Zollpolitik, die eigentlich die heimische Produktion stärken sollte. BMW bezieht die Bauteile seither übergangsweise aus einem „globalen Netzwerk“ — zu einem erheblichen Teil aus China.
Warum investiert BMW gerade jetzt nicht in neue Kapazitäten?
Die aktuell gefeierten 1,7 Milliarden Dollar für Spartanburg stammen aus einem 2022 freigegebenen Programm, das inzwischen ausgeschöpft ist — neue Vorhaben dieser Größenordnung stehen derzeit nicht an. Das ist bemerkenswert, weil BMW bis 2030 eigentlich die lokale Produktion von mindestens sechs rein elektrischen Modellen geplant hatte, beginnend voraussichtlich Ende 2026 mit dem BMW iX5. Die Zurückhaltung bei neuen Investitionsentscheidungen signalisiert, dass der Konzern angesichts der unsicheren Zollpolitik erst einmal abwartet, statt weiter aufzustocken.
Warum wählte der Konzern ausgerechnet South Carolina?
Die Standortwahl von 1992 war damals ein Wagnis für beide Seiten. South Carolina war zu jener Zeit von der Abwanderung ganzer Industriezweige schwer gezeichnet, und der bayerische Autobauer investierte trotzdem Milliarden in eine Region ohne nennenswerte Automobiltradition. „Ihr habt in uns etwas gesehen, das wir vor 30 Jahren selbst nicht gesehen haben“, rief Senator Graham seinen „deutschen Freunden“ bei der jüngsten X5-Premiere zu — eine Anspielung auf genau diese frühe Wette, die sich für South Carolina wirtschaftlich ausgezahlt hat: Der Standort zählt heute zu den größten privaten Arbeitgebern des Bundesstaats.
Gerade deshalb wiegt die aktuelle Investitionszurückhaltung politisch schwerer als eine reine Unternehmenskennzahl. Eine Region, die sich drei Jahrzehnte lang auf den Konzern als verlässlichen Ankerinvestor verlassen hat, sieht sich nun mit genau jener außenpolitischen Unsicherheit konfrontiert, die den lokalen Produktionsvorteil gegenüber Importwettbewerbern schrittweise aufzehrt.
Warum trifft die Zollpolitik BMW anders als Konkurrenten wie Mercedes?
Nicht alle deutschen Autobauer sind gleich stark exponiert. Bei BMW entfallen rund zwei Drittel des US-Absatzes auf X-Baureihen, die überwiegend in Spartanburg gebaut werden — das mildert die Zollwirkung spürbar ab, verglichen mit reinen Importeuren. Bei Mercedes-Benz dagegen ist der Anteil der lokalen US-Produktion deutlich kleiner: Zentrale Modelle wie das Mittelklasse-SUV GLC fehlen im US-Werksportfolio, während BMW dort X3 und X4 fertigt. Die naheliegende Konsequenz für die gesamte Branche: Ein Teil der Importzölle dürfte in Form höherer Preise an die Kundschaft weitergegeben werden — was wiederum die Absatzchancen in einem ohnehin umkämpften Markt schmälert.
Warum ist das mehr als nur eine BMW-Geschichte?
Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger appellierte nach einem Besuch in Spartanburg direkt an die EU-Kommission in Brüssel, zeitnah eine Lösung im Zollstreit mit den USA zu finden. Seine Warnung: Die großen bayerischen Automobilhersteller sowie hunderte mittelständische Zulieferbetriebe stünden angesichts wachsender Zölle und Drohungen auf beiden Seiten zunehmend unter massivem Druck — nicht die Zölle selbst seien das größte Risiko, sondern die anhaltende Unsicherheit, die Investitionsentscheidungen lähmt. Das deckt sich mit der Lage bei Volkswagen, wo eine ganz ähnliche Mischung aus Zöllen, chinesischer Konkurrenz und Kostendruck gerade zu einem der größten Stellenabbauprogramme der Konzerngeschichte führt. Wie stark schwankende Kraftstoffpreise zusätzlich das Kaufverhalten der Kundschaft beeinflussen, erklären wir in unserem Artikel warum Diesel teurer ist als Super.
Warum bleibt eine schnelle Lösung unwahrscheinlich?
Die Verhandlungen zwischen Brüssel und Washington über ein neues Zollabkommen laufen seit Monaten, ohne dass sich ein Durchbruch abzeichnet. Für Unternehmen mit derart hohen, langfristig gebundenen Investitionen wie in Spartanburg ist genau diese Hängepartie das eigentliche Risiko — planbare, auch hohe Zölle lassen sich in Preisen und Lieferketten einkalkulieren, eine sich ständig ändernde Zollandrohung dagegen kaum. Solange keine verlässliche Einigung steht, dürfte die Zurückhaltung bei neuen Milliardeninvestitionen in den USA anhalten, selbst an einem Standort, der über drei Jahrzehnte hinweg als Erfolgsgeschichte galt.
FAQ
Wie viele Menschen arbeiten im BMW-Werk Spartanburg?
Rund 11.000 Mitarbeiter — es ist das größte BMW-Werk weltweit.
Warum schützen US-Werke nicht automatisch vor US-Zöllen?
Weil zentrale Bauteile wie Motoren, Getriebe und Batteriezellen weiterhin importiert werden, oft aus Deutschland, Österreich oder China — nur die Endmontage findet in den USA statt.
Wie stark belasten die Zölle BMW finanziell?
Rund 300 Millionen Euro allein im ersten Quartal 2026, bei einer Belastung der Automotive-Marge von etwa 1,25 Prozentpunkten für das Gesamtjahr.