Last Updated on 12 Stunden ago by TodayWhy Editorial
Eine der weitreichendsten Empfehlungen, die die Rentenkommission am 23. Juni 2026 an Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas übergeben hat, ist der Einstieg in eine kapitalgedeckte Aktienrente — finanziert nach dem Vorbild Schwedens. Warum schaut Deutschland ausgerechnet nach Skandinavien, und wie genau soll das Modell funktionieren?
Warum reicht das bisherige Umlagesystem allein nicht mehr aus?
Seit 1957 finanziert sich die deutsche Rente nahezu ausschließlich über das Umlageverfahren: Die Beiträge der Erwerbstätigen — derzeit über 18 Prozent des Bruttolohns — fließen direkt als Renten an die heutigen Rentnerinnen und Rentner. Bei einer alternden Gesellschaft mit immer weniger Beitragszahlern pro Rentner gerät dieses Modell strukturell unter Druck. Die Kommission sieht eine zusätzliche, kapitalgedeckte Säule als notwendige Ergänzung, um das Rentenniveau langfristig zu stabilisieren, ohne allein auf höhere Beiträge oder ein höheres Renteneintrittsalter zu setzen.
Wie funktioniert das schwedische Vorbild?
In Schweden fließt seit den 1990er-Jahren ein fester Anteil der Rentenbeiträge nicht ins Umlagesystem, sondern in individuelle, am Kapitalmarkt angelegte Konten — verwaltet über staatlich ausgewählte Fonds. Diese sogenannte Prämienrente ergänzt die umlagefinanzierte Einkommensrente und soll über Jahrzehnte hinweg von Kapitalmarktrenditen profitieren, die historisch über der Lohn- und Beitragsentwicklung liegen. Die deutsche Rentenkommission übernimmt das Grundprinzip einer Pflichtkomponente am Kapitalmarkt, allerdings mit einem staatlich gelenkten statt individuell wählbaren Fonds.
Wie soll die deutsche Aktienrente konkret aussehen?
Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen künftig verpflichtend je zur Hälfte einen zusätzlichen Beitrag zahlen, der stufenweise eingeführt wird und langfristig zwei Prozent des Bruttolohns erreichen soll. Die Gelder fließen in einen staatlich gelenkten Fonds, der nach den Vorgaben der Kommission am Kapitalmarkt angelegt wird. Da der Aufbau dieser Kapitalsäule Zeit braucht, soll ein Übergangsfaktor sicherstellen, dass das Rentenniveau für alle Rentenzugänge mindestens so hoch bleibt wie heute — bis der Fonds nennenswerte eigene Erträge erzielt, sorgt ein staatlicher Steuerzuschuss für die Stabilisierung.
Wem soll die Aktienrente am meisten nützen?
Die Kommission nennt ein Zielniveau von 48 Prozent kurzfristig und ab 2040 von 50 Prozent, wenn Umlage- und Kapitalsäule zusammengerechnet werden. Von den höheren Renten würden vor allem jene profitieren, die ab etwa 2040 in den Ruhestand gehen — also vor allem jüngere und mittlere Jahrgänge, die heute schon einzahlen, aber noch keine baldigen Rentenansprüche haben.
Welche Kritik gibt es am Modell?
Gewerkschaften wie ver.di äußern erhebliche Vorbehalte gegenüber der Kapitalsäule — vor allem wegen der ungewissen Rendite und des Risikos, dass Kapitalmarktschwankungen die Rentenhöhe künftiger Jahrgänge beeinflussen könnten, anders als beim vergleichsweise stabilen Umlagesystem. Befürworter halten dem entgegen, dass historische Kapitalmarktrenditen über lange Zeiträume robuster ausfallen als die Lohnentwicklung, auf der das Umlagesystem beruht. Wie beim restlichen Reformpaket gilt: Mit der Übergabe des Berichts ist noch keine Reform beschlossen — die Vorschläge sind zunächst Diskussionsgrundlage für den Koalitionsausschuss Anfang Juli 2026. Den Gesamtüberblick über die Rentenreform 2026 liefert unser Pillar-Artikel zum Thema, Details zum Wegfall der Rente mit 63 finden sich im Artikel zu den Rentenkommission-Vorschlägen.
Den vollständigen Bericht mit allen 33 Empfehlungen hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales veröffentlicht.