Last Updated on 3 Stunden ago by TodayWhy Editorial
Rote Karte USA zurückgenommen — dieser Suchbegriff explodierte am Sonntag, als die FIFA überraschend die Ein-Spiel-Sperre gegen USA-Stürmer Folarin Balogun aussetzte. Vorausgegangen war ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino. Kritiker sprechen von politischer Einmischung. Doch ein genauer Blick auf die Fakten zeigt: Die Entscheidung lässt sich auch ganz ohne Trump erklären — und stützt sich auf ein Regelwerk, das die FIFA schon dreimal zuvor in diesem Turnierzyklus genutzt hat.
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Was ist bei der roten Karte gegen Balogun passiert?
Balogun sah in der 64. Minute des 2:0-Siegs der USA gegen Bosnien und Herzegowina die rote Karte, nachdem er im Zweikampf um den Ball mit den Stollen auf dem Knöchel von Tarik Muharemović landete. Schiedsrichter Raphael Claus ließ zunächst weiterspielen, entschied sich nach VAR-Hinweis aber für einen Blick auf den Monitor am Spielfeldrand — und zeigte anschließend die rote Karte wegen grobem Foulspiel. Die USA hielten die letzten 36 Minuten in Unterzahl durch und zogen dank eines Treffers von Malik Tillman ins Achtelfinale gegen Belgien ein.
Warum war der VAR-Prozess selbst fragwürdig?
Bevor Trump überhaupt eingriff, hatte der US-Sender ESPN die Entscheidung bereits in einer unabhängigen Analyse als falsch bewertet — die Aktion sei ein normaler, unabsichtlicher Zweikampf um den Ball gewesen. Der ehemalige Premier-League-Schiedsrichter Andy Davies ging noch weiter: Der VAR habe dem Schiedsrichter nur Zeitlupenbilder und Standbilder gezeigt, während das Protokoll eigentlich verlangt, zunächst die Originalgeschwindigkeit zu prüfen. Nach seiner Einschätzung war entweder die rote Karte selbst falsch — oder der Prozess, der zu ihr führte, entsprach nicht den eigenen FIFA-Regeln. Das war bereits vor jedem politischen Anruf klar.
Die rechtliche Grundlage: Was bedeutet Artikel 27?
Am 5. Juli teilte die FIFA-Disziplinarkommission mit, dass sie die automatische Ein-Spiel-Sperre gegen Balogun für eine einjährige Bewährungsfrist aussetzt — gestützt auf Artikel 27 des FIFA-Disziplinarreglements. Wichtig ist die Unterscheidung: Die rote Karte selbst bleibt bestehen, nur ihre unmittelbare Vollstreckung wird verschoben. Begeht Balogun innerhalb eines Jahres ein vergleichbares Vergehen, wird die ursprüngliche Sperre nachträglich fällig. Es handelt sich technisch gesehen eher um eine Bewährungsstrafe als um eine Freisprechung.
Entscheidend für die Einordnung: Die FIFA hat Artikel 27 in diesem Turnierzyklus bereits dreimal zuvor angewendet — bei Cristiano Ronaldo, Nicolás Otamendi und Moisés Caicedo. Das spricht gegen die These, hier sei eigens für die USA eine neue Ausnahme geschaffen worden. Die FIFA griff auf ein bestehendes, wenn auch selten genutztes Instrument zurück. Wie der Kicker in seiner Einordnung zu Artikel 27 herausstellt, gab es sogar schon 1962 einen Fall ganz ohne Sperre überhaupt: Brasiliens Garrincha durfte nach einem WM-Halbfinal-Platzverweis im Finale auflaufen — ein Präzedenzfall, der weit vor jeder Trump-Ära liegt.
Welche Rolle spielte Trump wirklich?
Trump bedankte sich öffentlich bei der FIFA dafür, eine „große Ungerechtigkeit“ korrigiert zu haben — beanspruchte aber nicht ausdrücklich, selbst für die Entscheidung verantwortlich zu sein. Berichten von CBS News zufolge war neben Trumps Anruf auch ein Vertreter der US-Regierung mit der FIFA in Kontakt und übermittelte demnach zusätzliches Videomaterial zur Prüfung — statt schlicht Druck auszuüben.
Betrachtet man die Abfolge auf diese Weise, wirkt der Vorgang weniger wie ein Präsident, der einen Schiedsrichter überstimmt, und mehr wie eine reguläre Überprüfung, die ein fehlerhafter VAR-Prozess ohnehin hätte auslösen müssen. USA-Trainer Mauricio Pochettino argumentierte zudem, dass sein Team das eigentliche Opfer der Situation sei — schließlich habe man mehr als eine halbe Stunde in Unterzahl spielen und trotzdem gewinnen müssen. Bei der Pressekonferenz in Seattle sagte er sinngemäß, man solle die faire Korrektur feiern, statt sein Team noch stärker zu bestrafen, als es durch die Unterzahl ohnehin schon der Fall gewesen sei.
Belgiens Gegenposition: Ist die Entscheidung überhaupt zulässig?
Der belgische Fußballverband RBFA akzeptiert die Argumentation nicht. In einer Stellungnahme verwies er auf Artikel 66.4 desselben Disziplinarreglements, wonach eine rote Karte „automatisch“ zu einer Ein-Spiel-Sperre führt, sowie auf Artikel 10.5 der eigenen Wettbewerbsbestimmungen der Weltmeisterschaft. Der Verband kündigte an, „alle Optionen“ zu prüfen — ein möglicher Hinweis auf eine Beschwerde beim Internationalen Sportgerichtshof CAS. Auch die UEFA will sich noch äußern. Ob die Entscheidung einer formellen Prüfung standhält, bleibt offen, selbst wenn die ursprüngliche rote Karte tatsächlich fragwürdig war.
Was bedeutet das für das Achtelfinale gegen Belgien?
Balogun führt die US-Torschützenliste bei diesem Turnier an und ist damit für Trainer Pochettino im Achtelfinale gegen Belgien praktisch unverzichtbar. Wer bei der Weltmeisterschaft 2026 sonst noch im Achtelfinale steht, zeigt unsere Übersicht zum bislang offensten Achtelfinale der Turniergeschichte. Für Hintergründe zu einer weiteren strengen Regelauslegung bei diesem Turnier lohnt sich außerdem ein Blick auf unsere Erklärung (EN), warum das Zuhalten des Mundes in diesem Turnier ebenfalls eine rote Karte auslösen kann.
Häufig gestellte Fragen
Wurde Baloguns Karte wirklich zurückgenommen?
Nicht ganz. Die FIFA hat die rote Karte selbst nicht aufgehoben, sondern nur die daraus folgende Ein-Spiel-Sperre für eine einjährige Bewährungsfrist ausgesetzt — gestützt auf Artikel 27 des Disziplinarreglements.
Hat Trump die Entscheidung erzwungen?
Trump rief FIFA-Präsident Infantino an und bat um eine Überprüfung. FIFA selbst nennt als offizielle Begründung Artikel 27 sowie offenbar zusätzlich übermitteltes Videomaterial — nicht den Anruf selbst.
Ist das ein Präzedenzfall?
Nicht wirklich neu: Die FIFA hatte Artikel 27 in diesem Turnierzyklus bereits bei Cristiano Ronaldo, Nicolás Otamendi und Moisés Caicedo angewendet, um Sperren aus Qualifikationsspielen aufzuschieben.
Kann Belgien die Entscheidung noch anfechten?
Der belgische Verband prüft nach eigenen Angaben „alle Optionen“, was auf eine mögliche Beschwerde beim Sportgerichtshof CAS hindeuten könnte. Eine endgültige Klärung steht noch aus.