Last Updated on 20 Stunden ago by TodayWhy Editorial
Seit dem 14. Juli 2026 kann Rumänien nicht mehr rechtssicher sagen, wem welches Grundstück gehört. Ein Hackerangriff hat die zentrale Grundbuchdatenbank der Katasterbehörde ANCPI gelöscht – inklusive eines Teils der Backups.
Warum ist ausgerechnet diese Behörde von diesem Hackerangriff getroffen worden, und warum konnte ein einzelner Angreifer ein ganzes EU-Land tagelang lahmlegen?
Was ist überhaupt passiert?
Die Nationale Agentur für Kataster und Immobilienverlautbarung, kurz ANCPI, verwaltet Rumäniens Grundbuch über die Plattform e-Terra. Genau diese Plattform fiel Mitte Juli komplett aus.
Ein Angreifer, der online unter dem Namen „ByteToBreach“ auftritt, verschaffte sich nach Berichten des IT-Sicherheitsnewsletters Risky Business Zugang zu den Systemen – nicht über eine Software-Lücke, sondern mit gültigen Zugangsdaten. Er kartierte die internen Systeme, versuchte offenbar zunächst, die Behörde zu erpressen, und löschte die Daten samt Sicherungen, als kein Lösegeld gezahlt wurde.
Die Folgen: Notare konnten keine neuen Immobiliengeschäfte mehr beurkunden. Bürger kamen weder an Eigentumsnachweise noch an Grundstücksdaten. Ein Tag nach Beginn der Löschung tauchten Teile der gestohlenen Daten – Mitarbeiter-Zugangsdaten, interne Dokumente, Netzwerkdetails – in einem bekannten Hackerforum zum Verkauf auf.
Warum trifft es ausgerechnet den Immobilienmarkt so hart?
Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Rumänien plant gerade, die Mehrwertsteuer auf Neubauten von neun auf 21 Prozent anzuheben. Viele Käufer und Verkäufer wollten ihre Verträge noch vor Inkrafttreten der neuen Sätze abschließen – genau das verhindert der IT-Ausfall jetzt.
Ohne funktionierendes e-Terra-System kann kein Notar eine Eigentumsübertragung rechtsgültig eintragen. Der gesamte Immobilienverkehr des Landes steht faktisch still, während gleichzeitig die Uhr für die Steuererhöhung weiterläuft.
Wer steckt hinter dem Angriff?
Das Cybersicherheitsunternehmen KELA hat nach eigenen Angaben die Infrastruktur des Angreifers analysiert und einen mutmaßlichen Verantwortlichen identifiziert: Zakaria Mahdjoub, wohnhaft in Oran, Algerien. Die Zuordnung stützt sich laut KELA auf technische Spuren – Daten von mit Infostealer-Schadsoftware infizierten Geräten, Browser-Cookies und weitere digitale Hinweise.
Rumänien soll dabei nicht das erste Ziel gewesen sein. Dem Netzwerk des Angreifers werden auch frühere Einbrüche in das schwedische E-Government-Portal sowie in staatliche Register in der Slowakei, der Ukraine, Polen und Litauen zugeschrieben. Rumänische Medien ordnen den Fall in eine längere Liste von Ländern ein, deren Kataster- oder Grundbuchbehörden in den vergangenen drei Jahren gehackt wurden – darunter auch Polen, Griechenland, Marokko, Russland und die Ukraine.
Was sagt die Behörde selbst dazu?
ANCPI widerspricht Teilen der Darstellung. In einer offiziellen Mitteilung erklärte die Behörde, die technischen und rechtlichen Datenbanken seien nach allen bisherigen Überprüfungen nicht kompromittiert worden. Die in der Öffentlichkeit kursierenden Informationen über die angeblichen Folgen des Angriffs stammten nicht aus offiziellen Quellen und spiegelten weder die Realität noch den aktuellen Ermittlungsstand wider.
Fest steht: Die IT-Dienste blieben auch am Montag nicht erreichbar. ANCPI arbeitet an einer Migration der Anwendungen in eine staatliche Cloud-Umgebung, die laut Mitteilung am Mittwoch, dem 22. Juli, abgeschlossen sein sollte.
Warum ist das mehr als nur eine rumänische Panne?
Der Fall zeigt ein Muster, das europäische Sicherheitsbehörden seit Monaten beobachten: Kritische Verwaltungsinfrastruktur in mehreren EU- und NATO-Staaten gerät ins Visier von Angreifern, die gezielt Backups mitlöschen, um jede Wiederherstellung zu erschweren. Genau in diesem Umfeld hat Deutschland selbst zuletzt einen Rekord bei den Verteidigungsausgaben gemeldet – ein Signal, dass Sicherheit in Europa längst nicht mehr nur eine Frage von Panzern und Flugzeugen ist, sondern zunehmend auch von Servern und Backup-Strategien.
Fazit
Dieser Hackerangriff zeigt, wie wenig es braucht, um ein ganzes EU-Land vom eigenen Grundbuch abzuschneiden: gestohlene, aber gültige Zugangsdaten reichten aus. Ob ANCPI recht behält und die Kernsysteme tatsächlich intakt sind, oder ob der Schaden größer ist als offiziell zugegeben, wird sich erst zeigen, wenn e-Terra wieder vollständig läuft.