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Am Samstag, dem 18. Juli 2026, erklärte Jens Spahn seinen Rücktritt als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Drei Tage zuvor hatte er öffentlich gemacht, dass er und sein Ehemann Vater eines Sohnes geworden sind — ausgetragen von einer Leihmutter in den USA.
Der Rücktritt hat nichts mit Fehlverhalten im Amt zu tun. Er hat mit einem Widerspruch zu tun: Spahn und seine Partei lehnen Leihmutterschaft ab, in Deutschland ist sie verboten. Hier ist die Chronologie, die rechtliche Lage und warum ausgerechnet dieser Fall Spahns Karriere vorerst beendet hat.
Was ist passiert? Die Chronologie
Am 15. Juli machte Spahn seine Vaterschaft über Instagram und ein ausführliches Interview mit der „Bild“-Zeitung öffentlich. Sein Ehemann Daniel Funke und er hätten sich nach eigener Aussage lange mit der Entscheidung gerungen. „Es war ein Prozess, der über lange Zeit ging“, sagte Spahn später.
Kanzler Friedrich Merz will nach eigener Aussage bereits eine Woche zuvor von Spahn informiert worden sein. Die eigentliche politische Debatte begann jedoch erst, als die Nachricht öffentlich wurde: Kritik kam nicht nur aus der politischen Konkurrenz, sondern massiv aus der eigenen Partei.
Merz kündigte an, den Fall am Montag im CDU-Präsidium zu besprechen. Am Samstag legte er Spahn in seiner Funktion als CDU-Bundesvorsitzender nahe, als Fraktionsvorsitzender zurückzutreten. Noch am selben Tag erklärte Spahn in einem Schreiben an die Fraktion, das dem „Tagesspiegel“ vorlag, seinen Rücktritt.
Merz nannte den Schritt „richtig“ und „unvermeidlich“: „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut. Ich danke Jens Spahn für die Zusammenarbeit.“ Über die Neubesetzung will Merz sich mit CSU-Chef Markus Söder abstimmen.
Warum die Kritik so heftig ist: der Doppelmoral-Vorwurf
Der Kern des Problems ist nicht die Vaterschaft selbst, sondern die Position, aus der heraus Spahn sie erreicht hat. Er hatte sich über Jahre öffentlich als Gegner der Leihmutterschaft positioniert. Die CDU bekräftigte erst im Februar 2026 auf ihrem Bundesparteitag in Stuttgart ausdrücklich, dass sie Leihmutterschaft — selbst in ihrer altruistischen, nicht-kommerziellen Form — weiterhin verboten sehen will.
Genau dieser Widerspruch trägt die Kritik. Die Publizistin Alice Schwarzer sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, Leihmutterschaft sei zu Recht verboten: Menschen seien keine Ware, weder dürfe eine Frau als Austragende dienen, noch ein Kind zum Objekt eines Geschäfts werden. Die grüne Bundestagsabgeordnete und Ärztin Paula Piechotta formulierte es zugespitzt: Spahn verbiete Millionen Deutschen in ihrem Privatleben, was er sich selbst gönne.
Auch aus der eigenen Partei kam scharfe Kritik. Der CDU-Landeschef aus Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, sagte der „Bild“: Spahn habe sich mit einer Leihmutterschaft in den USA in voller Absicht über geltendes deutsches Recht hinweggesetzt. Der FDP-Politiker Michael Kauch gratulierte dagegen zur Geburt, verband dies aber mit der Forderung, Spahn solle sich nun für eine Legalisierung der nicht-kommerziellen Leihmutterschaft einsetzen — schließlich habe er gezeigt, dass der Wunsch verständlich sei.
Ein weiterer Punkt verschärft die Kritik: Leihmutterschaften in den USA kosten üblicherweise zwischen 100.000 und 250.000 US-Dollar — eine Summe, die sich die meisten Familien in Deutschland schlicht nicht leisten können. Der Vorwurf lautet deshalb nicht nur Doppelmoral, sondern auch, dass sich ein wohlhabender Spitzenpolitiker eine Option gekauft habe, die für die meisten Bürger, die er selbst per Gesetz einschränkt, unerreichbar ist.
Wie funktioniert Leihmutterschaft — und warum ist sie in Deutschland verboten?
Bei einer Leihmutterschaft trägt eine Frau ein Kind für ein anderes Paar aus, meist nach künstlicher Befruchtung mit einer Eizelle und Samenzelle der sogenannten Wunscheltern oder von Spendern. In Deutschland ist dieser Weg gesetzlich verboten — allerdings nicht durch ein einzelnes, einfaches Verbot, sondern über mehrere Gesetze, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen.
Das Embryonenschutzgesetz (ESchG) verbietet Ärzten, bei einer Frau, die bereit ist, ein Kind nach der Geburt Dritten dauerhaft zu überlassen, eine künstliche Befruchtung durchzuführen oder ihr einen Embryo zu übertragen. Ärzten drohen dafür bis zu drei Jahre Haft. Das Adoptionsvermittlungsgesetz stellt zusätzlich die Vermittlung von Leihmüttern unter Strafe — wer eine solche Vermittlung betreibt oder dafür Geld erhält, macht sich strafbar.
Bemerkenswert ist, wer nicht strafbar ist: die Leihmutter selbst und die Wunscheltern bleiben straffrei. Das Gesetz zielt auf Ärzte und Vermittler, nicht auf die beteiligten Familien. Hinzu kommt das deutsche Abstammungsrecht: Nach seinem Wortlaut ist die Mutter eines Kindes immer die Frau, die es geboren hat — unabhängig von der genetischen Abstammung. Wunscheltern müssen ihre rechtliche Elternschaft deshalb in der Regel über eine Adoption absichern, was Zeit kostet und rechtlich nicht immer sicher ist.
International sieht die Lage sehr unterschiedlich aus. In den USA, Großbritannien und einigen anderen Ländern ist Leihmutterschaft mit unterschiedlichen Auflagen erlaubt. In der Ukraine ist sie sogar zu einem eigenen Wirtschaftszweig geworden, mit deutlich niedrigeren Kosten als in den USA. Deutschland gehört mit seinem umfassenden Verbot zu den restriktiveren Ländern Europas.
War Spahns Vorgehen überhaupt legal?
Genau hier verteidigte sich Spahn selbst. Er verwies mehrfach auf die deutsche Rechtslage, die seiner Darstellung nach eine Leihmutterschaft im eigentlichen Sinn nicht verbiete: „Eltern werden oder Leihmutter sein steht nicht unter Strafe“, sagte er. Verboten seien die Vermittlung und die medizinische Durchführung der Befruchtung — beides fand in seinem Fall in den USA statt, wo Leihmutterschaft legal ist.
Das deckt sich mit der rechtlichen Grundlage: Deutsches Strafrecht kann eine im Ausland legal durchgeführte medizinische Handlung nicht rückwirkend bestrafen, und die Wunscheltern selbst waren ohnehin nie das Ziel des deutschen Verbots. Nach allem, was bisher bekannt ist, haben sich Spahn und sein Mann nach deutschem Recht nicht strafbar gemacht.
Der politische Vorwurf ist damit ein anderer als ein rechtlicher: Kritiker werfen Spahn nicht vor, ein Gesetz gebrochen zu haben, sondern eine im Inland verbotene Möglichkeit im Ausland genutzt zu haben, während er gleichzeitig dafür eintrat, dass genau diese Möglichkeit anderen Bürgern verwehrt bleibt.
Wer wird Spahns Nachfolger?
Merz hat angekündigt, das Verfahren und den Zeitplan für die Neubesetzung mit den Gremien von Partei und Fraktion abzustimmen, in Abstimmung mit CSU-Chef Söder. Als möglicher Nachfolger wird in Berlin Thorsten Frei gehandelt, aktuell Chef des Bundeskanzleramts und ein erfahrener Parlamentarier. Ein Wechsel würde allerdings bedeuten, dass Merz auch für das Kanzleramt eine neue rechte Hand finden müsste.
Ist das das Ende von Spahns politischer Karriere?
Nicht unbedingt, sagen Beobachter. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte geht nicht von einem endgültigen Karriereende aus: Spahn sei jemand, der schon lange sehr professionell in der Politik unterwegs sei und zuletzt auch die Untersuchungsausschuss-Anfragen zur sogenannten Maskenaffäre gut überstanden habe. Korte rechnet mit einem politischen Comeback — Spahn sei dafür schlicht noch nicht alt genug, um seine Ambitionen aufzugeben.
In seinem eigenen Wahlkreis im Münsterland wurde der Rücktritt unterdessen mit Erleichterung aufgenommen. Der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Steinfurt sagte der Deutschen Presse-Agentur, das Vorgehen sei politisch „maximal unglücklich“ gewesen und der Rückzug „absolut notwendig“.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Jens Spahn zurückgetreten?
Spahn trat am 18. Juli 2026 als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion zurück, nachdem bekannt wurde, dass er und sein Ehemann über eine Leihmutter in den USA Vater geworden sind. Der Rücktritt folgte auf massiven Druck aus der eigenen Partei, weil CDU und CSU Leihmutterschaft ablehnen und Spahn sich selbst früher öffentlich dagegen positioniert hatte.
Was ist Leihmutterschaft und wie funktioniert sie?
Bei einer Leihmutterschaft trägt eine Frau ein Kind für andere Menschen aus, meist nach künstlicher Befruchtung mit Ei- und Samenzelle der Wunscheltern oder von Spendern. Nach der Geburt übergibt sie das Kind an die Wunscheltern.
Warum ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten?
Das Embryonenschutzgesetz verbietet Ärzten die medizinische Durchführung, das Adoptionsvermittlungsgesetz verbietet die Vermittlung von Leihmüttern. Straffrei bleiben dagegen die Leihmutter selbst und die Wunscheltern. Das deutsche Abstammungsrecht erklärt zudem immer die Frau, die das Kind geboren hat, zur rechtlichen Mutter.
War Jens Spahns Vorgehen legal?
Nach allem, was bisher bekannt ist, ja. Die medizinische Behandlung und die Vermittlung fanden in den USA statt, wo Leihmutterschaft legal ist. Deutsches Recht bestraft weder die Leihmutter noch die Wunscheltern, sodass Spahn und sein Mann sich nach deutschem Recht nicht strafbar gemacht haben.
Wer wird Jens Spahns Nachfolger als Fraktionsvorsitzender?
Eine offizielle Entscheidung steht noch aus. Als möglicher Nachfolger wird Thorsten Frei gehandelt, derzeit Chef des Bundeskanzleramts. Kanzler Merz will einen Vorschlag in Abstimmung mit CSU-Chef Markus Söder machen.
Bedeutet der Rücktritt das Ende von Spahns politischer Karriere?
Politikwissenschaftler halten das für unwahrscheinlich. Spahn gilt als erfahrener und widerstandsfähiger Politiker, der bereits andere Krisen wie die Maskenaffäre politisch überstanden hat — ein Comeback in der Zukunft gilt als möglich.