Last Updated on 13 Stunden ago by TodayWhy Editorial
Der Oberste Gerichtshof der USA hat am Donnerstag, dem 25. Juni 2026, im jahrelangen Rechtsstreit um das Unkrautvernichtungsmittel Roundup zugunsten des deutschen Bayer-Konzerns entschieden. Mit 7 zu 2 Stimmen stellte der Supreme Court klar, dass bundesweite US-Zulassungsvorgaben für Pestizide Vorrang vor den Gesetzen einzelner Bundesstaaten haben — und entzog damit Zehntausenden Schadensersatzklagen ihre rechtliche Grundlage. Die Bayer-Aktie legte daraufhin kurzfristig um fast 16 Prozent zu. Doch worum ging es in dem Verfahren genau, und warum hat der Supreme Court so entschieden?
Worum es in dem Verfahren ging
Im Zentrum des Falls Monsanto v. Durnell stand der Missouri-Bewohner John Durnell, der mehr als 20 Jahre lang als ehrenamtlicher „Spray-Mann“ seiner Nachbarschaftsvereinigung Parks und Grünflächen mit Roundup behandelt hatte. Nachdem bei ihm das Non-Hodgkin-Lymphom, eine Krebsart, diagnostiziert wurde, klagte er 2019 gegen Bayer-Tochter Monsanto. Ein Geschworenengericht in Missouri sprach ihm 2023 eine Entschädigung von 1,25 Millionen Dollar zu — allein wegen des Vorwurfs, Monsanto habe nicht ausreichend vor dem Krebsrisiko gewarnt. Die Klage stützte sich auf einen sogenannten „Failure-to-warn“-Vorwurf: Bayer habe es versäumt, auf dem Etikett von Roundup vor einem möglichen Krebsrisiko zu warnen.
Genau hier setzte Bayers Verteidigung an. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hatte einen solchen Warnhinweis nie vorgeschrieben — im Gegenteil, sie kam in ihrer Bewertung zu dem Schluss, dass Glyphosat bei vorschriftsgemäßer Anwendung wahrscheinlich nicht krebserregend sei. Bayer argumentierte, ein Unternehmen könne nicht nach einzelstaatlichem Recht verklagt werden, weil es exakt die Vorgaben der Bundesbehörde befolgt habe.
Warum der Supreme Court für Bayer entschieden hat
Der Supreme Court folgte dieser Argumentation mehrheitlich. In der von Richter Brett Kavanaugh verfassten Mehrheitsmeinung heißt es im Kern, dass das Bundesgesetz zur Pestizidregulierung (FIFRA) bundesweit einheitliche Etikettierungsvorgaben vorsieht — und dass Klagen nach Recht einzelner Bundesstaaten, die im Widerspruch zu diesen bundesweiten Vorgaben stehen, durch das Bundesrecht verdrängt werden. Da die EPA keinen Krebswarnhinweis vorgeschrieben hatte, könne Bayer nicht dafür haftbar gemacht werden, dass ein solcher Hinweis auf dem Etikett fehlte.
Besonders auffällig an der Entscheidung ist, dass sie quer durch das ideologische Spektrum des Gerichts Zustimmung fand: Sieben der neun Richter schlossen sich der Mehrheitsmeinung an. Lediglich die progressive Richterin Ketanji Brown Jackson und der konservative Richter Neil Gorsuch stimmten gemeinsam dagegen. In ihrem Minderheitsvotum schrieb Jackson, das Gericht weiche damit von der „nahezu einstimmigen Auffassung“ zahlreicher Bundes- und Bundesstaatengerichte ab, die dasselbe Präemptionsargument zuvor verworfen hatten.
Was das für die rund 67.000 noch offenen Klagen bedeutet
Die Tragweite des Urteils geht weit über den Einzelfall Durnell hinaus. Bayer sieht sich derzeit mit rund 67.000 noch offenen Klagen wegen angeblicher Krebsrisiken durch Glyphosat konfrontiert, von denen die überwiegende Mehrheit auf genau demselben „Failure-to-warn“-Vorwurf beruht. Nach Einschätzung von Bayer dürfte das Urteil dazu führen, dass ein Großteil dieser laufenden Klagen abgewiesen wird und sich künftige Klagen mit derselben Begründung von vornherein deutlich erschweren. Der Konzern hatte bereits zuvor rund 16 Milliarden Dollar zur Begleichung von Altfällen zurückgestellt und Anfang 2026 einen Vergleich über 7,25 Milliarden Dollar vorgeschlagen, um einen Großteil der verbleibenden Klagen außergerichtlich zu beenden. Seit der Monsanto-Übernahme 2018 hat Bayer nach eigenen Angaben bereits rund 24 Milliarden Euro für die rechtliche Auseinandersetzung um Glyphosat aufgewendet.
Ist Glyphosat krebserregend? Die wissenschaftliche Kontroverse bleibt ungeklärt
Das Urteil entscheidet eine juristische Verfahrensfrage — nicht die zugrunde liegende wissenschaftliche Streitfrage, ob Glyphosat tatsächlich Krebs verursachen kann. Hier gehen die Einschätzungen weiterhin auseinander. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation stufte Glyphosat 2015 als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein. Die US-Umweltschutzbehörde EPA kommt dagegen, gestützt auf ein deutlich umfangreicheres Datenset, zu dem Schluss, dass keine ausreichenden Hinweise auf eine krebserregende Wirkung beim Menschen vorliegen. Auch die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) sah bei der Wiederzulassung von Glyphosat in der EU im November 2023 keine „kritischen Bedenkenbereiche“. Diese unterschiedlichen Bewertungen bestehen seit Jahren parallel zueinander, ohne dass sich ein wissenschaftlicher Konsens durchgesetzt hätte.
Warum die Entscheidung auch politisch heikel ist
Das Urteil bringt die US-Regierung von Donald Trump in eine politisch unbequeme Lage. Die Trump-Administration hatte sich im Verfahren ausdrücklich auf die Seite von Bayer gestellt und die Präemptionsargumentation unterstützt. Gleichzeitig zählt Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und die von ihm geprägte „Make America Healthy Again“-Bewegung (MAHA) traditionell zu den schärfsten Kritikern von Pestiziden wie Glyphosat. Kennedy selbst hatte vor seiner Regierungstätigkeit als Anwalt einen ähnlichen Fall gegen Monsanto gewonnen. Innerhalb der MAHA-Bewegung wurde das Urteil entsprechend scharf kritisiert, während die Agrarindustrie es als wichtigen Schritt für regulatorische Planungssicherheit begrüßte.
Was das für Deutschland bedeutet
Für Bayer mit Hauptsitz in Leverkusen ist das Urteil von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung: Der jahrelange Rechtsstreit um Glyphosat zählt zu den größten finanziellen Risikofaktoren des Konzerns und hatte die Bayer-Aktie über Jahre belastet. Vorstandschef Bill Anderson hatte Investoren versprochen, die rechtlichen Risiken bis Ende 2026 deutlich zu senken — das Urteil ist dafür ein entscheidender Baustein. Auch für deutsche Anleger und Pensionsfonds mit Bayer-Beteiligungen hat die Entscheidung damit direkte finanzielle Relevanz, unabhängig davon, wie die wissenschaftliche Debatte um Glyphosat in Europa langfristig ausgeht.
Frequently Asked Questions
Worum ging es im Supreme-Court-Verfahren gegen Bayer?
Es ging um die Frage, ob Bayer-Tochter Monsanto wegen fehlender Krebswarnhinweise auf Roundup-Etiketten nach Recht einzelner US-Bundesstaaten verklagt werden kann, obwohl die US-Bundesbehörde EPA einen solchen Warnhinweis nicht vorschreibt.
Wie hat der Supreme Court entschieden?
Mit 7 zu 2 Stimmen entschied das Gericht, dass bundesweite Zulassungsvorgaben für Pestizide Vorrang vor abweichendem Recht einzelner Bundesstaaten haben. Klagen, die sich allein auf fehlende Warnhinweise stützen, sind dadurch erheblich erschwert.
Was bedeutet das Urteil für die anderen Glyphosat-Klagen gegen Bayer?
Bayer erwartet, dass ein Großteil der rund 67.000 noch offenen Klagen wegen desselben „Failure-to-warn“-Vorwurfs abgewiesen wird oder sich künftige Klagen mit dieser Begründung deutlich erschweren.
Ist damit wissenschaftlich geklärt, ob Glyphosat Krebs verursacht?
Nein. Das Urteil entscheidet eine rechtliche Verfahrensfrage. Die WHO-Krebsforschungsagentur IARC stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, während die US-Umweltbehörde EPA und die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA keine ausreichenden Belege für eine krebserregende Wirkung beim Menschen sehen.
Warum ist das Urteil auch politisch umstritten?
Weil es einerseits ein Erfolg für die Trump-Administration ist, die Bayer im Verfahren unterstützt hatte, andererseits aber die „Make America Healthy Again“-Bewegung um Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verärgert, die seit Jahren strengere Regeln für Pestizide wie Glyphosat fordert.