Warum wird die Westminster Bridge auch scherzhaft „Londons unanständige Brücke“ genannt?

Last Updated on 09/05/2026 by TodayWhy Editorial

Die Westminster Bridge gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Londons – doch wenige Besucher ahnen, welches schlüpfrige Geheimnis sich hinter ihrer eleganten grünen Fassade verbirgt. Wer zur richtigen Tageszeit am richtigen Ort steht, erlebt eine architektonische Pointe, über die selbst der strenge viktorianische Erbauer wohl geschmunzelt hätte.


1. Das pikante Geheimnis: Wenn die Sonne die Wahrheit enthüllt

Der scherzhaft-anstößige Spitzname der Westminster Bridge hat einen sehr konkreten Ursprung: Sonnenlicht und Geometrie. Unter bestimmten Bedingungen – wenn die Sonne etwa gegen 13 Uhr auf die Brücke scheint – werfen die kunstvoll gestalteten Kleeblatt-Aussparungen (sogenannte Trefoils) in der gusseisernen Fassade einen ganz unerwarteten Schatten.

londons unanständigste brücke
Londons unanständigste brücke

Das Spiel aus Licht und Schatten verwandelt dabei die harmlose dreiblättrige Ornamentik in eine eindeutig phallische Silhouette: Die beiden unteren „Blätter“ behalten ihre Form, während das obere sich im Schatten zu einer länglichen Form dehnt – was Londoner Schalk-Journalisten prompt als „Sunny Schlongs“ (deutsch: sonnige Phallus-Schatten) bezeichneten.

Der Witz der Geschichte: Es ist bis heute nicht geklärt, ob der Architekt Charles Barry und sein Team diesen optischen Effekt bewusst eingebaut haben – oder ob es ein glücklicher (bzw. unglücklicher?) Zufall ist. Historische Aufnahmen der Westminster Bridge belegen jedoch, dass dieselben Trefoil-Formen bereits seit der Eröffnung 1862 vorhanden sind. Das „Problem“ ist also kein Produkt moderner Fantasie.

Dieser astronomisch-architektonische Insiderwitz hat der Westminster Bridge bei einigen Londoner Stadtführern und Reiseblogs den augenzwinkernden Beinamen „Londons unanständige Brücke“ eingebracht – auf Englisch oft als „London’s naughty bridge“ bezeichnet.


2. Was sind Trefoils? Die Verzierungen der Westminster Bridge erklärt

Trefoils (von lat. trifolium = Klee) sind dreiblättrige, gotische Ziermotive, die in der Architektur des Mittelalters und des Viktorianischen Zeitalters weit verbreitet waren. An der Westminster Bridge finden sie sich als Aussparungen in den gusseisernen Brüstenblechen (Fascias) entlang der gesamten Länge der Brücke.

Die Trefoils erfüllen ursprünglich eine rein dekorative Funktion und sollten das gotische Design der Brücke unterstreichen – dasselbe Stilmittel wurde von Charles Barry auch beim benachbarten Palace of Westminster eingesetzt. Dass diese harmlosen Ornamente bei bestimmtem Lichteinfall zu architektonischen Witzbolden werden, ist ein Phänomen, das die Brücke einzigartig in der Geschichte des Londoner Ingenieurbaus macht.


3. Geschichte der Westminster Bridge im Überblick

Die erste Westminster Bridge (1750)

Die Geschichte der Westminster Bridge ist turbulenter als ihr heutiges ruhiges Erscheinungsbild vermuten lässt. Bereits 1664 wurde eine Brücke an dieser Stelle vorgeschlagen – doch der Widerstand war enorm: Die mächtige City of London Corporation, die Zunft der Fährleute (Watermen) und sogar der Erzbischof von Canterbury (der von der Pferde-Fähre profitierte) opponierten vehement dagegen. König Charles II. ließ sich schließlich mit einem zinslosen Darlehen von 100.000 Pfund bestechen und verweigerte die Baugenehmigung.

Erst 1736 erhielt das Projekt parlamentarische Genehmigung. Zwischen 1739 und 1750 entstand unter Leitung des Schweizer Ingenieurs Charles Labelye die erste Westminster Bridge – mit 15 Natursteinbögen, mautfrei und für die damalige Zeit ein architektonisches Meisterwerk. Sie war die zweite feste Themsequerung Londons überhaupt.

Der Neubau von 1862

Mitte des 19. Jahrhunderts begann die erste Brücke erhebliche Setzungsschäden aufzuweisen und war teuer in der Unterhaltung. Der Entschluss zum Neubau fiel schnell. Die heutige Brücke wurde vom Ingenieur Thomas Page entworfen, das gotische Detail-Design stammt von Sir Charles Barry – dem Architekten des Palace of Westminster.

Am 24. Mai 1862 – dem 43. Geburtstag von Königin Victoria – wurde die neue Brücke eröffnet. Die Königin selbst fehlte: Sie befand sich in tiefer Trauer um Prinz Albert, der im Dezember 1861 gestorben war, und nahm an der Zeremonie nicht teil.


4. Architektur und Design: Wer baute die Brücke?

Die heutige Westminster Bridge ist ein Sieben-Bogen-Brückenbau aus Schmiedeeisen mit gusseisernen Verkleidungen. Ihre wichtigsten Daten im Überblick:

MerkmalDetails
Länge252 Meter
Breite26 Meter
Bögen7 elliptische Bögen aus Schmiedeeisen
BaustilNeugotik
FarbeParlamentsgrün (seit 1970)
Eröffnung24. Mai 1862
DenkmalschutzGrade II* (seit 1981)

Warum ist die Westminster Bridge grün?

Die charakteristische grüne Farbe der Westminster Bridge ist kein Zufall: Sie entspricht dem Grünton der Ledersessel im Unterhaus (House of Commons), das sich auf der Westminster-Seite der Brücke befindet. Die benachbarte Lambeth Bridge ist dagegen rot – in Anlehnung an die roten Sessel im Oberhaus (House of Lords).

Die Brüstenbleche (Fascias) tragen zudem verschiedene Wappen aus Gusseisen. An den Laternenpfählen sind die verschlungenen Initialen „V & A“ – für Victoria und Albert – zu erkennen, ein stilles Denkmal für das Königspaar.


5. Weitere kuriose Fakten über die Westminster Bridge

Die Westminster Bridge in Kunst und Literatur

William Wordsworth verewigte die Brücke 1802 in seinem berühmten Sonett „Composed upon Westminster Bridge“, in dem er die Schönheit des frühmorgendlichen Londons besingt. Claude Monet malte sie um 1871 in seinem Werk „The Thames Below Westminster“. Auch der venezianische Vedutenmaler Canaletto hielt die erste Westminster Bridge 1747 fest – allerdings noch vor ihrer Fertigstellung, weshalb sein Gemälde einige fiktive Details enthält.

Die Westminster Bridge im Film

Die Brücke hat zahlreiche Kinoauftritte: Sie ist in den James-Bond-Filmen „Spectre“ und „Die Another Day“ zu sehen, in mehreren Doctor Who-Episoden sowie im britischen Horrorfilm „28 Days Later“ (2002), wo eine gespenstisch leere Westminster Bridge den Auftakt zum postapokalyptischen London bildet.

Die umstrittenste Brücke Londons

Keine andere Londoner Brücke hat eine so konfliktreiche Entstehungsgeschichte. Über Jahrzehnte wurde ihr Bau von mächtigen Interessengruppen blockiert – darunter Kaufleute, Fährleute und die Kirche. Als sie 1750 schließlich eröffnete, war das Spektakel so groß, dass viele Besucher immer noch die Fähre nehmen mussten, weil die Brücke hoffnungslos überlastet war.

Seit 1967: Die älteste Straßenbrücke über die Themse im Zentrum Londons

Nach dem Abriss von Rennies New London Bridge im Jahr 1967 ist die Westminster Bridge das älteste erhaltene Straßenbauwerk, das die Themse im Londoner Zentrum überquert.

Terroranschlag 2017

Am 22. März 2017 wurde die Westminster Bridge Schauplatz eines schweren Terroranschlags. Ein Attentäter fuhr mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge auf der Brücke und stürmte anschließend das Parlamentsgelände. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben, über 50 wurden verletzt.


6. Häufig gestellte Fragen (FAQ)

  • Warum wird die Westminster Bridge „unanständige Brücke“ genannt?
    Weil bei bestimmtem Sonnenlichteinfall (ca. 13 Uhr) die Schatten der kleeblattförmigen Verzierungen (Trefoils) phallische Formen erzeugen. Dieser optische Effekt ist seit der Eröffnung 1862 Teil der Brücke – ob beabsichtigt oder nicht, ist bis heute ungeklärt.
  • Wann kann man den Schatteneffekt sehen?
    Der Effekt tritt an sonnigen Tagen gegen Mittag auf, wenn das Sonnenlicht aus dem richtigen Winkel auf die gusseisernen Fassadenplatten fällt. Die genaue Jahreszeit variiert je nach Sonnenstand.
  • Wer hat die Westminster Bridge gebaut?
    Die heutige Brücke (1862) wurde vom Ingenieur Thomas Page entworfen. Die gotischen Verzierungen stammen von Architekt Sir Charles Barry, der auch den Palace of Westminster gestaltete.
  • Warum ist die Westminster Bridge grün?
    Die Farbe entspricht dem Grünton der Ledersessel im britischen Unterhaus (House of Commons), das sich direkt neben der Brücke befindet. Die Färbung wurde 1970 eingeführt.
  • Ist die Westminster Bridge frei zugänglich?
    Ja, die Westminster Bridge ist eine öffentliche Straßen- und Fußgängerbrücke, die rund um die Uhr kostenlos genutzt werden kann.

Fazit: Ein Wahrzeichen mit zwei Gesichtern

Die Westminster Bridge ist weit mehr als ein bloßer Übergang über die Themse. Sie ist ein Zeugnis viktorianischer Ingenieurskunst, ein Kunstobjekt, ein Drehort und ein politisches Symbol – und obendrein Londons bekannteste Witzkiste unter freiem Himmel. Wer das nächste Mal bei Sonnenschein über die Brücke spaziert, sollte einen Blick auf die gusseisernen Ornamente werfen: Vielleicht enthüllt Charles Barrys Brücke in diesem Moment ihr pikantestes Geheimnis.


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