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Am Freitag, den 4. September 2026, hat die UN-Generalversammlung über etwas abgestimmt, worüber Weltgremien normalerweise nicht abstimmen: eine Landkarte. Mit 164 zu 1 Stimmen bei sechs Enthaltungen nahmen die Vereinten Nationen die Resolution „Correct the Map“ an, die weltweit dazu aufruft, die 457 Jahre alte Mercator-Projektion durch eine Weltkarte zu ersetzen, die Länder in ihrer tatsächlichen Größe zeigt. Einzig die USA stimmten dagegen.
Warum wurde diese neue Weltkarte beschlossen — und warum sorgt ausgerechnet dieser jahrhundertealte Streit noch heute für eine 164-1-Abstimmung bei den Vereinten Nationen? Ein Teil der Antwort führt direkt nach Deutschland: Der eigentliche Auslöser der modernen Debatte war 1973 ein deutscher Historiker, dessen Karte die UN nun mit einer anderen Lösung überholt hat — 53 Jahre, nachdem er die Frage erstmals aufwarf.
Was die neue Weltkarten-Resolution der UN konkret bewirkt
Die von Togo im Namen der Afrikanischen Gruppe eingebrachte und von der Afrikanischen Union sowie der Karibischen Gemeinschaft unterstützte Resolution verbietet die Mercator-Projektion nicht und zwingt niemanden zu etwas. Laut ZDFheute ist der Beschluss rechtlich nicht bindend — er ruft Regierungen, Schulen, internationale Organisationen und Technologiekonzerne lediglich dazu auf, künftig flächentreue Projektionen wie Equal Earth zu verwenden, wenn es auf die relative Größe von Ländern ankommt.
Togos Außenminister Robert Dussey begründete die Initiative während der Debatte in der Generalversammlung so: „Karten prägen unser Verständnis der Welt.“ Nach der Abstimmung sprach er von einem „historischen Moment“. Die Afrikanische Union erklärte, die Resolution sorge endgültig dafür, dass die Weltkarte „Afrikas wahre Größe, Gewicht und Platz in der Welt widerspiegelt“.
Warum die alte Weltkarte Kontinente überhaupt verzerrt
Um zu verstehen, warum diese Abstimmung überhaupt nötig wurde, lohnt sich ein Blick darauf, wofür die Mercator-Projektion ursprünglich gedacht war — denn als allgemeine Weltkarte war sie nie gedacht. Der flämische Kartograf Gerardus Mercator entwickelte sie, wie auch t-online berichtet, 1569 für ein sehr konkretes nautisches Problem: Auf seiner Projektion entspricht jede gerade Linie einem konstanten Kompasskurs, sodass Seefahrer einen Kurs setzen und über die gesamte Strecke exakt diesem Kurs folgen konnten. Genau diese Eigenschaft machte die Karte auf See enorm nützlich — und ist bis heute der Grund, warum Mercator-ähnliche Projektionen den meisten digitalen Karten und Navigations-Apps zugrunde liegen.
Der Preis dafür ist die Fläche. Weil sich die gekrümmte Erdoberfläche nicht ohne Verzerrung auf ein flaches Rechteck übertragen lässt, werden Landmassen umso stärker aufgebläht, je weiter sie vom Äquator entfernt liegen. Das bekannteste Beispiel ist Grönland, das auf den meisten Mercator-Weltkarten etwa genauso groß wirkt wie der gesamte afrikanische Kontinent. Tatsächlich misst Grönland rund 2,16 Millionen Quadratkilometer, Afrika dagegen etwa 30,37 Millionen — Afrika ist also ungefähr 14-mal größer, nicht bloß etwas größer.
Derselbe Effekt betrifft praktisch jede Landmasse in höheren Breiten: Kanada, Russland und Skandinavien erscheinen auf der klassischen Weltkarte deutlich massiver, als es ihrer tatsächlichen Fläche entspricht, während Indien, Lateinamerika und weite Teile Südostasiens im Vergleich zu klein wirken. Wer als Kind mit einer solchen Weltkarte im Klassenzimmer aufgewachsen ist, trägt diese verzerrte Größenvorstellung oft unbewusst ein Leben lang mit sich — ein Effekt, den Kartografen selbst als eines der stärksten Argumente für einen Wechsel anführen.
Warum ausgerechnet ein deutscher Historiker diese Debatte vor 53 Jahren entfachte
Was in der deutschen Berichterstattung bisher kaum eine Rolle spielt: Die heutige Debatte geht direkt auf einen deutschen Historiker zurück. Bereits 1855 hatte der schottische Geistliche James Gall eine flächentreue Projektion entwickelt, die Mercators Größenverzerrung korrigierte — sie blieb jedoch über ein Jahrhundert lang eine akademische Randnotiz. Erst 1973 präsentierte der deutsche Historiker Arno Peters im Wesentlichen dieselbe Mathematik als angeblich „neue Erfindung“ und positionierte die Mercator-Karte als Werkzeug kolonialer Voreingenommenheit, das Europa und Nordamerika über Jahrhunderte hinweg visuell auf Kosten der Tropen aufgebläht habe.
Die Fachwelt der Kartografen reagierte mit einer Mischung aus Amüsement und Verärgerung — man verwies darauf, dass Galls Mathematik nicht neu war und dass die daraus resultierenden Formen, besonders in Polnähe stark gestreckt, ebenfalls kein sauberer Gewinn waren. Doch die Debatte war zu diesem Zeitpunkt bereits aus den Fachzeitschriften entkommen. Sie erreichte Jahrzehnte später sogar die US-Popkultur über eine bekannte Szene der Fernsehserie „The West Wing“, in der eine fiktive Interessengruppe das Weiße Haus dazu drängt, die Peters-Karte an amerikanischen Schulen verpflichtend einzuführen — eine Szene, die viele Zuschauer noch heute als ihre erste Begegnung mit der Idee nennen, dass „die Karte, mit der man aufgewachsen ist“, eine Entscheidung war und keine neutrale Tatsache.
Dass ausgerechnet ein Deutscher diese bis heute wirkende Debatte lostrat, ist mehr als eine Randnotiz: Die von der UN nun empfohlene Equal-Earth-Projektion existiert im Kern auch deshalb, weil Kartografen fast 50 Jahre nach Peters‘ Präsentation nach einer besseren Antwort auf genau die Frage suchten, die er aufgeworfen hatte. In deutschen Geografie-Lehrbüchern taucht die Peters-Weltkarte bis heute gelegentlich als historisches Beispiel für die Grenzen jeder Kartenprojektion auf — meist jedoch ohne den direkten Bogen zur aktuellen UN-Debatte, der sich erst durch die Ereignisse von 2026 wieder schließt.
Warum die UN für die neue Weltkarte nicht die Peters-Karte, sondern Equal Earth empfiehlt
Wenn flächentreue Karten schon seit 1855 existieren, warum verweist die UN-Resolution dann ausgerechnet auf Equal Earth statt auf die ältere, bekanntere Peters-Projektion? Die Antwort führt zu einem sehr konkreten Streit im US-amerikanischen Bildungswesen.
Im März 2017 kündigten die öffentlichen Schulen in Boston an, ihre Weltkarten im Unterricht auf die Gall-Peters-Projektion umzustellen, um Schülern ein realistischeres Größenverhältnis zu vermitteln. Die Entscheidung entfachte die alte kartografische Debatte erneut und weckte die Aufmerksamkeit dreier Kartografen — Bojan Šavrič, Tom Patterson und Bernhard Jenny —, die zwar zustimmten, dass das Größenproblem real war, die Peters-Lösung aber als optisch unbefriedigend empfanden, mit Kontinenten, die in Polnähe zu ungewohnt gestreckten Formen verzerrt wurden. Da sie keine bestehende flächentreue Projektion fanden, die beide Kriterien erfüllte, entwickelten sie 2018 eine eigene: Equal Earth.
Die neue Projektion bewahrt die korrekte relative Fläche jeder Landmasse — das Kernversprechen von Gall-Peters — behält dabei aber sanft gerundete, kugelähnliche Proportionen, die Kontinente deutlich weniger aggressiv verzerren. Ihre erste reale Anwendung ließ nicht lange auf sich warten: Bereits im selben Monat übernahm das Goddard Institute for Space Studies der NASA die Projektion für eine globale Temperaturanomalie-Karte — ein frühes Signal, dass die Wissenschaft darin mehr sah als nur ein politisches Statement.
Tom Patterson selbst zeigte sich nach der Abstimmung sichtlich überrascht, wie weit seine Idee am Ende getragen hat: „Wow. Als wir die Equal-Earth-Projektion 2018 entwickelt haben, hätten wir uns das nie vorstellen können“, schrieb er auf Social Media.
Warum die Abstimmung ausgerechnet jetzt kam
Die Resolution kam im September 2026 nicht aus dem Nichts — sie war der Endpunkt einer über Jahre organisierten Kampagne. Die Initiativen Africa No Filter und Speak Up Africa starteten den öffentlichen Vorstoß bereits im April 2025 und richteten ihn zunächst gezielt an Schulen, später an internationale Organisationen und Medien. Die Afrikanische Union, die alle 55 afrikanischen Mitgliedstaaten vertritt, unterstützte die Kampagne im August 2025 offiziell. Die Karibische Gemeinschaft schloss sich als Mitantragsteller an — weshalb auch die Bahamas, ein Land, das man nicht sofort mit afrikanischen Kartografie-Debatten verbindet, als Mitantragsteller der Resolution auftaucht.
Togo kündigte zudem an, sein eigenes Schulmaterial noch in diesem Jahr umzustellen, um anschließend andere Staaten, internationale Organisationen und Technologiekonzerne für einen breiteren Wechsel zu gewinnen.
Warum die USA als einziges Land dagegen stimmten
Die Ablehnung Washingtons, dargelegt in einer offiziellen Erklärung der US-Vertretung bei den Vereinten Nationen, hatte nichts mit kartografischer Genauigkeit zu tun. Die stellvertretende US-Vertreterin Yaryna Ferencevych argumentierte, die Resolution lasse sich nicht von einem größeren ideologischen Projekt trennen, und kritisierte, dass die Generalversammlung „Kartenprojekte aus dem 16. Jahrhundert und ihre Rolle bei der Förderung von Reparationen und ‚kognitiver Gerechtigkeit'“ diskutiere, statt sich um die eigentlichen Aufgaben der UN zu kümmern.
Diese Formulierung lohnt einen genaueren Blick, denn sie zeigt, worum es bei dem eigentlichen Streit ging. Die US-Delegation bestritt zu keinem Zeitpunkt, dass Afrika 14-mal größer ist als Grönland, oder dass Mercator die Fläche verzerrt. Ihr Einwand richtete sich gegen die Formulierungen der Resolution selbst, die den Kartenwechsel mit historischer Wiedergutmachung und kolonialen Altlasten verknüpfen — eine Sprache, die die US-Delegation als Aktivismus statt Kartografie einordnete. Sechs Länder, überwiegend osteuropäische und ehemalige Sowjetstaaten, enthielten sich der Stimme, ohne vergleichbar ausführliche öffentliche Begründungen abzugeben — ein deutlich zurückhaltenderer Weg als die direkte Ablehnung der USA, der aber ebenfalls zeigt, dass die Zustimmung zur neuen Weltkarte nicht überall auf der Welt gleich unumstritten war.
Warum sich an der Weltkarte in deutschen Schulatlanten erst einmal nichts ändert
Weil die Resolution keine bindende Kraft entfaltet, hängt ihre praktische Wirkung vollständig davon ab, ob Schulen, Verlage und Technologiekonzerne die Empfehlung freiwillig aufgreifen. Für Deutschland bedeutet das konkret: Schulbuchverlage wie Westermann, die den in deutschen Schulen weit verbreiteten Diercke Weltatlas herausgeben, sind durch die UN-Resolution zu nichts verpflichtet. Ob und wann sich verbreitete Kartendarstellungen in deutschen Klassenzimmern ändern, entscheidet sich in den Verlagshäusern, nicht in New York.
Nicht alle Staaten warten jedoch ab. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot kündigte direkt nach der Abstimmung an: „Wir werden die Mercator-Projektion zugunsten von Kartendarstellungen aufgeben, die dem jeweiligen Verwendungszweck angepasst sind, die tatsächlichen Flächenverhältnisse besser wiedergeben und den Empfehlungen von Kartografen und Wissenschaftlern entsprechen.“ Ein solch konkretes nationales Bekenntnis ist bislang die Ausnahme, zeigt aber, dass die Resolution in einzelnen Ländern schneller praktische Folgen haben könnte als der rein symbolische Charakter des Abstimmungsergebnisses zunächst vermuten lässt.
Es gibt bereits einen Präzedenzfall dafür, wie langsam und uneinheitlich ein solcher Wandel in anderen Fällen verlaufen kann. Google Maps verabschiedete sich 2018 auf dem Desktop bereits von der Mercator-Projektion zugunsten eines drehbaren 3D-Globus — eine Änderung, die den meisten Nutzern kaum auffiel. Die mobile App, die deutlich mehr Menschen täglich nutzen, zeigt bis heute standardmäßig Mercator. National Geographic wechselte seine Atlaskarten schon in den 1980er- und 1990er-Jahren weg von einer Mercator-ähnlichen Projektion, zunächst zur Robinson-Projektion 1988, dann zur Winkel-Tripel-Projektion 1998 — beide Wechsel erfolgten ganz ohne UN-Resolution, allein aus verlagsinterner Entscheidung heraus.
Warum die Debatte für Deutschland trotzdem relevant ist
Auch wenn keine deutsche Institution zur Umstellung verpflichtet ist, berührt die Debatte hierzulande mehr als nur eine akademische Fußnote. Deutsche Medien wie ZDFheute und t-online berichteten bereits am Tag der Abstimmung ausführlich über das Ergebnis — ein Zeichen dafür, dass die Frage, welche Weltkarte als Standard gilt, auch im deutschsprachigen Raum als berichtenswert gilt, obwohl Deutschland selbst weder Antragsteller noch besonders im Fokus der Kampagne war.
Die eigentliche deutsche Verbindung liegt jedoch tiefer als die aktuelle Berichterstattung: Ohne Arno Peters‘ Auftritt 1973 gäbe es die heutige Alternative vermutlich in dieser Form nicht. Seine Karte war unpräzise in der Form, aber sie stellte eine Frage, die bis heute nachwirkt — wessen Weltbild eine Karte eigentlich abbildet. Die UN-Resolution von 2026 beantwortet diese Frage nicht mit Peters‘ eigener Lösung, sondern mit einer Weltkarte, die 45 Jahre nach seinem ersten Auftritt genau deshalb entstand, weil Kartografen seinen Kritikpunkt ernst nahmen, seine konkrete Lösung aber für unzureichend hielten.
Häufig gestellte Fragen
Was hat die UN zur neuen Weltkarte genau beschlossen?
Die Generalversammlung rief Regierungen, Schulen, Medien und internationale Organisationen dazu auf, künftig flächentreue Weltkarten wie die Equal-Earth-Projektion zu nutzen, anstatt der traditionellen Mercator-Projektion. Der Beschluss ist rechtlich nicht bindend.
Um wie viel größer ist Afrika als Grönland tatsächlich?
Afrika misst etwa 30,37 Millionen Quadratkilometer, Grönland dagegen nur rund 2,16 Millionen — Afrika ist also etwa 14-mal größer, obwohl beide auf den meisten Mercator-Weltkarten ähnlich groß erscheinen.
Warum stimmten die USA gegen die neue Weltkarte?
Die US-Delegation bestritt nicht die Größenverzerrung der Mercator-Karte. Sie kritisierte die Formulierungen der Resolution, die den Kartenwechsel mit Konzepten wie historischer Wiedergutmachung und „kognitiver Gerechtigkeit“ verknüpfen, was sie als ideologisches Anliegen ohne Bezug zur eigentlichen UN-Aufgabe einstufte.
Welche Rolle spielte ein deutscher Historiker bei dieser Debatte?
Der deutsche Historiker Arno Peters entfachte 1973 die moderne Debatte, als er eine bereits 1855 entwickelte flächentreue Projektion als angebliche Neuerfindung präsentierte und die Mercator-Karte als Ausdruck kolonialer Voreingenommenheit kritisierte. Seine Karte gilt bis heute als Vorläufer der aktuellen Debatte, wurde von der UN aber nicht empfohlen.
Ist Equal Earth dasselbe wie die Peters-Projektion?
Nein, auch wenn beide „flächentreu“ sind und die tatsächliche relative Größe von Ländern zeigen. Die Peters-Projektion verzerrt Formen besonders in Polnähe stark. Equal Earth wurde 2018 gezielt entwickelt, um die Fläche korrekt darzustellen und dabei Formen zu bewahren, die einem Globus näherkommen.
Müssen deutsche Schulen wegen der neuen Weltkarte jetzt ihre Atlanten austauschen?
Nein. Die Resolution hat keine rechtliche oder regulatorische Wirkung in Deutschland. Ob Schulbuchverlage wie Westermann künftig andere Projektionen verwenden, entscheidet sich unabhängig von der UN-Abstimmung.
Seit wann läuft die Kampagne für eine neue Weltkarte?
Die öffentliche Kampagne begann im April 2025 unter Führung der Organisationen Africa No Filter und Speak Up Africa. Die Afrikanische Union unterstützte sie im August 2025 offiziell, später schloss sich die Karibische Gemeinschaft als Mitantragstellerin der UN-Resolution an.