Last Updated on 1 Woche ago by TodayWhy Editorial
Stand: 14. Oktober 2026. Am 6. Oktober hat der Landtag von Sachsen-Anhalt Tobias Rausch (AfD) zum Landtagspräsidenten gewählt. Es ist das erste Mal, dass ein AfD-Politiker an der Spitze eines deutschen Landesparlaments steht.
Damit hat sich die Lage seit der Wahl vom 6. September verschoben. Die AfD Sachsen-Anhalt regiert weiterhin nicht – aber sie hält jetzt das protokollarisch höchste Amt des Landtags. Die Frage, wer ab Dezember Ministerpräsident wird, ist weiter offen.
Dieser Artikel erklärt beides: was am 6. Oktober genau passiert ist und warum die Stimmen bis heute nicht vollständig erklärt sind – und darunter, wie es zu diesem Wahlergebnis überhaupt kam.
Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 hat die AfD Sachsen-Anhalt ein Ergebnis eingefahren, das es in diesem Bundesland so noch nicht gab. Mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen und 39 von 83 Sitzen wurde sie klar stärkste Kraft. Die CDU unter Ministerpräsident Sven Schulze stürzte auf 17,2 Prozent. Wer seit der Wahlnacht „warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen“ sucht, sucht keine Prognose mehr. Gesucht wird die Erklärung – und die Antwort auf die nächste Frage: Was folgt aus einem Sieg ohne absolute Mehrheit?
Die kurze Antwort hat mehrere Schichten. Die AfD Sachsen-Anhalt verdoppelte ihr Ergebnis von 2021, weil Unzufriedenheit mit Berlin und Magdeburg, das Thema Migration, eine Rekordwahlbeteiligung und ein zugänglicher Spitzenkandidat zusammenkamen. Die längere Antwort braucht Sitze, Direktmandate, das Regierungsprogramm, die Einstufung durch den Verfassungsschutz – und die Brandmauer, die nach dem 6. September nicht verschwunden ist.
Wichtig vorweg: Dieser Text handelt von Sachsen-Anhalt, nicht vom Freistaat Sachsen. Magdeburg ist nicht Dresden. Die alte URL-Formulierung „liegt die AfD in Sachsen“ war Umfrage-Sprache vor der Wahl. Nach dem 6. September 2026 lautet der Suchsatz anders.
Video: Erste Ansprache des AfD-Landtagspräsidenten Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt
6. Oktober 2026: Erster AfD-Landtagspräsident in Deutschland
In der konstituierenden Sitzung des neuen Landtags wurde Tobias Rausch mit 48 von 82 gültigen Stimmen gewählt. 29 Abgeordnete stimmten mit Nein, 5 enthielten sich. Die Wahl war geheim.
Rausch löst Gunnar Schellenberger ab. In seiner Antrittsrede sagte er, er wolle das gesamte Parlament führen, und erklärte: „Die Zeiten politischer Brandmauern sollten der Vergangenheit angehören.“
Das Stimmenrätsel: vier Stimmen, die niemand erklärt
Hier liegt der eigentliche Grund, warum diese Wahl so viel Aufmerksamkeit bekommt. Die Rechnung geht nicht auf.
| Fraktion | Sitze |
|---|---|
| AfD | 39 |
| BSW | 5 |
| AfD + BSW zusammen | 44 |
| Stimmen für Rausch | 48 |
| Ungeklärt | mindestens 4 |
Das BSW hatte angekündigt, den Kandidaten der AfD Sachsen-Anhalt zu unterstützen, mit der Begründung, die stärkste Fraktion habe Anspruch auf das Amt. Selbst dann fehlen vier Stimmen. Sie müssen aus den Reihen von CDU, SPD, Grünen oder Linken gekommen sein.
Die CDU hatte für ihre 15 Abgeordneten Enthaltung angekündigt. Da geheim abgestimmt wurde, lässt sich nicht nachweisen, wer anders gestimmt hat. Bestätigt ist die Herkunft der vier Stimmen bis heute nicht.
Noch auffälliger: die Wahl des Vizepräsidenten
Zum Vizepräsidenten wurde der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider gewählt – mit 44 von 82 Stimmen, bei 38 Nein-Stimmen und keiner Enthaltung.
Dieses Ergebnis ist schwerer zu erklären als das erste. Das BSW hatte ausdrücklich erklärt, Tillschneider nicht zu wählen. Die CDU erklärte, alle 15 Abgeordneten hätten sich auf ein Nein verpflichtet. Beide Fraktionen bestreiten, für ihn gestimmt zu haben – die AfD allein hat aber nur 39 Sitze.
Im Saal applaudierte nach Berichten von der Sitzung nur der BSW-Abgeordnete Michael Reim. BSW-Chef Thomas Schulze schüttelte Tillschneider ausgiebig die Hand, erklärte aber, seine Partei habe ihn nicht gewählt.
Bei den weiteren Vizepräsidenten ergab sich ein geteiltes Bild:
- Carsten Borchert (CDU) wurde im zweiten Wahlgang mit 64 Ja-Stimmen, 17 Nein und einer Enthaltung gewählt.
- Armin Willingmann (SPD) scheiterte im dritten Wahlgang mit 33 Ja zu 48 Nein. AfD und BSW hatten angekündigt, ihn nicht zu unterstützen; mindestens vier weitere Abgeordnete stimmten ebenfalls dagegen. Einen dritten Vizepräsidenten gibt es damit nicht.
SPD, Grüne und Linke stimmten zudem gegen eine von AfD und BSW durchgesetzte Änderung der Regeln für die Wahl der Vizepräsidenten. Die CDU enthielt sich.
Die Reaktionen
- Heidi Reichinnek (Linke) nannte das Ergebnis „eine absolute Schande“ und machte die CDU dafür verantwortlich.
- Hakan Demir (SPD) sagte, sollten CDU-Abgeordnete die Stimmen geliefert haben, wäre das ein „suizidaler Akt“.
- Thomas Schulze (BSW) bestritt eine Beteiligung seiner Fraktion und forderte den Rücktritt von Ministerpräsident Sven Schulze (CDU).
Wer ist Tobias Rausch?
Rausch wurde 1990 im bayerischen Mellrichstadt geboren. Er absolvierte eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker und arbeitete danach in der Immobilienbranche; er ist Geschäftsführer der Rausch Immobilien GmbH in Hecklingen.
Nach eigener Angabe trat er 2013 in die AfD ein. Seit 2016 sitzt er im Landtag von Sachsen-Anhalt, zunächst als stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Von 2021 bis 2026 führte er die AfD-Fraktion.
Was das Amt bedeutet – und was nicht
Der Landtagspräsident leitet die Sitzungen, übt das Hausrecht im Landtag aus und vertritt das Parlament nach außen. Es ist das protokollarisch höchste Amt des Landes nach dem Ministerpräsidenten.
Was es nicht bedeutet: Regierungsmacht. Die AfD Sachsen-Anhalt stellt mit diesem Amt keine Regierung, beschließt keine Gesetze und ernennt keine Minister. Sven Schulze (CDU) bleibt geschäftsführend Ministerpräsident.
Wahl Sachsen-Anhalt 2026: Das Ergebnis der AfD und aller Parteien
Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis der Landeswahlleitung verteilten sich die Zweitstimmen der Wahl, bei der die AfD Sachsen-Anhalt stärkste Kraft wurde, so:
- AfD: 43,8 Prozent (2021: 20,8) – 39 Sitze
- CDU: 17,2 Prozent (2021: 37,1) – 15 Sitze
- SPD: 9,3 Prozent (2021: 8,4) – 8 Sitze
- Grüne: 8,9 Prozent (2021: 5,9) – 8 Sitze
- Die Linke: 8,6 Prozent (2021: 11,0) – 8 Sitze
- BSW: 5,3 Prozent (2021: nicht angetreten) – 5 Sitze
- FDP: 2,6 Prozent (2021: 6,4) – 0 Sitze
Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent – so hoch wie bei keiner Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung. 2021 waren es 60,3 Prozent. Mehr Stimmen bedeuten hier nicht automatisch mehr Unentschlossene. Sie bedeuten, dass ein größerer Teil des Landes eine Entscheidung getroffen hat.
Die AfD Sachsen-Anhalt verfehlte die absolute Mehrheit knapp. Im Landtag mit 83 Sitzen sind 42 Stimmen nötig. 39 reichen nicht. Gleichzeitig gewann die Partei 38 der 41 Direktmandate. Die Linke hielt drei Wahlkreise in Magdeburg und Halle. Die CDU holte keins. 2021 hatte sie noch 40 von 41 Wahlkreisen gewonnen. Dieser Bruch erklärt, warum das Ergebnis der AfD Sachsen-Anhalt nicht nur als Prozentzahl gelesen werden kann. Es ist auch eine Karte: auf dem Land ein Durchmarsch, in den beiden großen Städten Risse.
Historisch ist der Wert auf zwei Weisen. Es ist das stärkste Ergebnis einer Partei in Sachsen-Anhalt seit 1990 – vor der CDU mit 39,0 Prozent bei der ersten Landtagswahl. Und es ist der höchste Landtagswert der AfD bisher – die AfD Sachsen-Anhalt übertraf damit auch das Thüringer Ergebnis von 2024. Die tagesschau und die Zeit haben das vorläufige Ergebnis am 7. September so festgehalten. Am 22. September 2026 bestätigte der Landeswahlausschuss das endgültige Ergebnis. An der Sitzverteilung änderte sich gegenüber dem vorläufigen Ergebnis nichts.
Warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen?
Eine einzelne Ursache trägt 43,8 Prozent nicht. Wer warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen ernst nimmt, muss Bundespolitik, Landespolitik, Themenkompetenz und Mobilisierung gleichzeitig sehen.
Erstens die Strahlkraft Berlins. Politikwissenschaftler Benjamin Höhne hat gegenüber der WirtschaftsWoche auf die wahrgenommene Schwäche der Konkurrenz verwiesen. Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz war mit dem Versprechen angetreten, geschlossener zu regieren als die Vorgängerkoalition. In Sachsen-Anhalt lag die Zufriedenheit mit dieser Bundesregierung laut Infratest dimap um den Wahltag bei einem Tiefwert. Eine Mehrheit der Befragten fand, Berlin habe einen Denkzettel verdient. Landeswahlen sind selten nur Landeswahlen. Am 6. September war das besonders sichtbar.
Zweitens das Gefühl, abgehängt zu sein. dpa und mehrere Landesmedien beschrieben vor und nach der Wahl denselben Mix: Dörfer und Kleinstädte ohne Arzt, ohne Laden, mit dünner Infrastruktur – und parallel dazu Unmut über Migration und über den Zustand öffentlicher Räume. Abstiegsangst ist kein Ost-Monopol. Im ländlichen Sachsen-Anhalt lag sie aber auf einem Boden, auf dem die Union früher Kompetenz beansprucht hat. Genau diese Kompetenzzuschreibung ist gewandert. Infratest dimap maß der AfD Sachsen-Anhalt bei Innerer Sicherheit, Asyl und teilweise auch Wirtschaft höhere Werte zu als der CDU.
Drittens die Mobilisierung. 77,8 Prozent Beteiligung heißt: Die AfD Sachsen-Anhalt hat nicht nur Unzufriedene eingesammelt, die sowieso immer wählen. Sie hat Menschen an die Urne geholt, die 2021 zu Hause geblieben wären – und sie hat frühere CDU-Wählerinnen und CDU-Wähler verschoben. Eine Verdopplung von 20,8 auf 43,8 Prozent entsteht nicht allein aus Stammwählerschaft.
Viertens das Angebot selbst. Die AfD Sachsen-Anhalt trat nicht als Protestfolie auf, sondern als Partei, die einen Ministerpräsidenten stellen will. Ulrich Siegmund sagte in der Wahlnacht, das Ergebnis sei ein „ganz klarer Regierungsauftrag“. Ob dieser Auftrag arithmetisch einlösbar ist, ist eine andere Frage. Politisch hat die Formulierung gewirkt: Wer die AfD wählte, wählte nicht nur gegen etwas.
Welche Rolle spielt das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt?
Suchanfragen nach Wahlprogramm, Parteiprogramm und Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt sind seit Monaten hoch. Das ist kein Zufall. Ein Teil der Wählerschaft will wissen, was nach dem Kreuz kommt. Ein anderer Teil googelt das Programm, weil Gegner und Medien es als Beleg für Radikalität zitieren.
Die AfD Sachsen-Anhalt hat ihr Regierungsprogramm im Frühjahr 2026 in Magdeburg beschlossen und im Sommer einen 100-Tage-Plan nachgelegt. Der Plan ist das, was Siegmund als Sofortprogramm verkauft hat. Darin stehen unter anderem:
- Kündigung der Rundfunkstaatsverträge und der Umbau des öffentlich-rechtlichen Angebots zu einem schlankeren „Grundfunk“
- mehr Abschiebehaftplätze, zentrale Unterbringung, Arbeitspflicht für Asylbewerber
- Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern und Wachschutz an Problemschulen
- Kürzungen bei parteinahen Stiftungen und Programmen der Demokratieförderung
Im ausführlicheren Programm kommen Forderungen hinzu, die ein Landtag allein nicht beschließen kann: das Grundrecht auf Asyl über eine Bundesratsinitiative durch ein „Gnadenrecht“ zu ersetzen, Sanktionen gegen Russland zu beenden, Nord Stream wieder in Betrieb zu nehmen. Der MDR hat die migrationspolitischen Passagen vor der Wahl mit den Texten der anderen Parteien verglichen. Ökonomen warnten im Wahlkampf, Steuersenkungen und Ausgabenversprechen der AfD ließen sich mit dem Landeshaushalt kaum decken.
Für die Frage, warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen, zählt weniger, ob jede Zeile juristisch in Magdeburg umsetzbar ist. Es zählt, dass das Programm eine klare Feind- und Wunschliste liefert: weniger Zuwanderung, weniger Rundfunkbeitrag, weniger „Demokratieförderung“, mehr Abschiebung, mehr Ordnung. Wer diese Liste will, muss nicht jede Seite gelesen haben. Wer sie ablehnt, findet darin den Beleg, dass 43,8 Prozent keine Laune waren.
Warum wirkt Ulrich Siegmund so zentral?
Ulrich Siegmund ist 35, Wirtschaftspsychologe und seit 2016 im Landtag. Im Wahlkreis Genthin holte er das Direktmandat mit 49,0 Prozent gegen Thomas Staudt (CDU). Die Suche nach „Siegmund AfD“ und „Ulrich Siegmund AfD Sachsen-Anhalt“ ist nach der Wahl fast so groß wie die Suche nach dem Programm – weil die Person das Gesicht des Sieges ist.
Sein Auftritt setzt auf Nähe: Handwerk, Fleiß, Selfies in Salzwedel, der Satz, er wolle Ministerpräsident „aller Sachsen-Anhalter“ sein. Analysten beschreiben das als doppelte Ansprache. Das Programm bedient die Kernklientel. Der Kandidat spricht Menschen an, die vor allem geordnete Verhältnisse wollen und das Kleingedruckte nicht Zeile für Zeile prüfen.
Am 7. September 2026 präzisierte Siegmund in Berlin die Linie. Er trete als Ministerpräsidentenkandidat an, „wenn es sich abzeichnet, dass ich eine stabile Mehrheit auf den Weg gebracht habe“. Diese Mehrheit wolle er in den nächsten Tagen und Wochen suchen – bei Fraktionen und bei einzelnen Abgeordneten. Kernpositionen bei Migration und innerer Sicherheit müssten „zu 100 Prozent“ stehen bleiben. Koalitionen, in denen die AfD ihre Inhalte weichspüle, lehnte er ab. Das Angebot des BSW, einen überparteilichen Ministerpräsidenten zu wählen, nannte er in der Wahlnacht „Gewurschtel“. Gleichzeitig schloss er Neuwahlen nicht aus, falls keine Mehrheit zustande kommt. Die tagesschau hat diese Sätze dokumentiert.
Damit sitzt Siegmund in einer Zange, die zur Erklärung des Wahlsiegs gehört: Er hat als nahbarer Landespolitiker Stimmen geholt. Regieren will er ohne den Kompromiss, den genau diese 39-zu-44-Arithmetik erzwingen würde.
Welche Rolle spielt die Einstufung als gesichert rechtsextrem?
Der Landesverband der AfD Sachsen-Anhalt gilt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch. Das ist keine Kampagnenformel, sondern die Bewertung des Landesamts für Verfassungsschutz. Für einen erheblichen Teil der Wählerschaft war diese Einstufung am 6. September offenbar kein Ausschlusskriterium. Umfragen vor der Wahl zeigten dasselbe Muster, das Politikwissenschaftler Matthias Quent beschrieben hat: Viele AfD-Wählerinnen und AfD-Wähler sehen nicht die eigene Partei als extrem, sondern die Politik der Mitte.
Das gehört in jede ehrliche Antwort auf warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen. Der Verfassungsschutz-Befund hat die Partei nicht isoliert. Er hat sie für ihre Gegner markiert – und für einen Teil der Wählerschaft den Eindruck verstärkt, „die da oben“ wollten eine unliebsame Partei verwalten statt ihre Themen zu beantworten. Ob diese Lesart berechtigt ist, ist eine normative Frage. Wahlanalytisch hat sie Wirkung gezeigt.
Ein Parteiverbot ist damit nicht beschlossen. Die Suche nach „AfD Verbot“ bleibt hoch, weil das Wahlergebnis die Debatte neu auflädt. Ein Verbotsverfahren ist ein anderer Rechtsweg als eine Landtagswahl. Beides sollte man nicht in denselben Satz zwingen.
Wie reagieren die anderen Parteien – und reicht die Brandmauer?
Sven Schulze räumte die Niederlage ein. Die bisherige Koalition aus CDU, SPD und FDP existiert so nicht mehr: Die FDP ist raus, die CDU halbiert, die Sitzverteilung zerstört jede kleine Mitte-Koalition. Kenia (CDU, SPD, Grüne) kommt auf 31 Sitze. Selbst CDU plus SPD plus Grüne plus Linke kommen auf 39 – drei unter der Mehrheit. Erst wenn das BSW dazukommt, stehen 44 Sitze gegen 39 der AfD Sachsen-Anhalt.
Das ist die ganze Schwierigkeit. Eine Regierung ohne die AfD Sachsen-Anhalt braucht fünf Fraktionen, vom konservativen Rest der CDU bis zur Linken und zum BSW. Eine Regierung mit ihr braucht entweder das BSW oder Überläufer. Beides haben die Parteien im Wahlkampf weitgehend ausgeschlossen. Der neue Landtag muss spätestens am 6. Oktober zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen.
Die CDU auf Bundes- und Landesebene hält die Brandmauer öffentlich aufrecht. Unions-Fraktionschef Thorsten Frei sagte im ZDF, man spreche nicht mit Rechtsextremisten. Schulze sieht den Regierungsauftrag bei der AfD Sachsen-Anhalt, nicht bei sich – und sucht zugleich Gespräche mit den übrigen Fraktionen, die eine Kooperation mit der AfD Sachsen-Anhalt ausschließen.
Warum das BSW mit der AfD Sachsen-Anhalt spricht – und was seit der Wahl passiert ist
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt lud die AfD Sachsen-Anhalt alle im neuen Landtag vertretenen Fraktionen zu Sondierungen ein. CDU, SPD, Grüne und Linke lehnten ab. Angenommen hat das Angebot nur das BSW.
Der BSW-Landesvorstand beschloss am 9. September einstimmig, mit der AfD zu sprechen – über Energie, Bildung und „Friedenspolitik“. Fraktionschef Thomas Schulze sagte, für das BSW existiere „keine Brandmauer“. Parteigründerin Sahra Wagenknecht will Mehrheiten auch mit der AfD nutzen, betonte laut ZDFheute aber zugleich, im AfD-Wahlprogramm gebe es „eine Reihe von Positionen, die wir nicht teilen“. Eine feste Koalition hatte das BSW vor der Wahl ausgeschlossen. Denkbar wäre dagegen eine vom BSW tolerierte Minderheitsregierung der AfD.
Siegmund rückte am 10. September nach. Ziel sei eine Regierung, „die so stabil wie möglich ist“ – und: „Natürlich regieren wir auch bei einer Stimme mehr.“ Vor der Wahl hatte er eine knappe Mehrheit noch als Risiko beschrieben. Die Zeit und der Tagesspiegel haben diesen Kurswechsel festgehalten.
Bis zum 22. September haben sich AfD und BSW vor allem bei der Besetzung wichtiger Parlamentsämter angenähert. Eine Vereinbarung über eine gemeinsame Regierung gibt es nicht. Der neue Landtag tritt am 6. Oktober um 11 Uhr erstmals zusammen. Dort wird das Landtagspräsidium gewählt, nicht zwingend der Ministerpräsident. Bis ein Nachfolger gewählt ist, führt Sven Schulze (CDU) die Regierung geschäftsführend weiter. Siegmund will eine AfD-geführte Regierung möglichst im November oder Dezember bilden.
Rechnerisch bleibt es bei drei Wegen: Die AfD Sachsen-Anhalt findet drei Stimmen – durch das BSW, durch Enthaltungen im dritten Wahlgang oder durch Überläufer. Oder die fünf übrigen Fraktionen bilden gegen sie eine Mehrheit aus 44 Sitzen. Oder die Regierungsbildung scheitert, und es wird neu gewählt. Stand 22. September 2026 ist keiner dieser Wege beschlossen.
Sachsen oder Sachsen-Anhalt – warum die Verwechslung zählt
Sachsen und Sachsen-Anhalt sind zwei Länder. In Sachsen war die AfD bei der Landtagswahl 2024 bereits zweitstärkste Kraft hinter der CDU. Die AfD Sachsen-Anhalt hat 2026 erstmals eine Landtagswahl angeführt. Wer „AfD Sachsen“ sucht, landet leicht im falschen Land. Wer „AfD Sachsen-Anhalt“ sucht, sucht Magdeburg, Siegmund, 43,8 Prozent und die Frage der Regierungsbildung.
Zwei Wochen später, am 20. September 2026, wählte Mecklenburg-Vorpommern. Auch dort wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft – knapp vor der SPD von Manuela Schwesig mit 35,5 Prozent. Anders als in Magdeburg gibt es in Schwerin aber eine Mehrheit ohne die AfD: SPD, Linke und Grüne kommen zusammen auf 39 von 71 Sitzen. Die CDU scheiterte mit 4,9 Prozent erstmals in ihrer Geschichte an einem Landtag. Mehr dazu in unserem Artikel Warum die CDU bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern erstmals rausfliegt.
Im selben Monat wurde auch in Niedersachsen und Berlin gewählt. In Niedersachsen verdreifachte die AfD ihr Ergebnis bei den Kommunalwahlen, kann aber 258 Sitze nicht besetzen – mehr dazu in Warum 258 AfD-Sitze in Niedersachsen leer bleiben. In Berlin wurde die Linke stärkste Kraft, siehe Wahl Berlin 2026.
Wie es weitergeht: die Ministerpräsidentenwahl im Dezember
Die eigentliche Machtfrage ist noch nicht entschieden. Sie fällt bei der Wahl des Ministerpräsidenten, die für Dezember erwartet wird. Für die AfD Sachsen-Anhalt tritt Spitzenkandidat Ulrich Siegmund an.
Auch hier entscheidet die Arithmetik:
- Der Landtag hat 83 Sitze, für eine Mehrheit sind 42 nötig.
- Die AfD hat 39.
- Mit den 5 Stimmen des BSW käme sie auf 44 – mehr als genug.
Entscheidend ist deshalb, wie sich das BSW verhält. Nach Berichten will es sich im entscheidenden Wahlgang enthalten. Enthält es sich tatsächlich, bleibt die AfD bei 39 Stimmen und damit drei Stimmen unter der nötigen Mehrheit. Die AfD bestreitet diese Rechnung.
Genau diese Lücke von drei Stimmen macht die Vorgänge vom 6. Oktober politisch brisant. Bei der Präsidentenwahl kamen mindestens vier Stimmen aus Fraktionen, die erklärt hatten, nicht für die AfD zu stimmen. Ob sich das bei einer Ministerpräsidentenwahl wiederholt, ist die offene Frage – und sie lässt sich bei geheimer Abstimmung vorher nicht beantworten.
Häufige Fragen
Arbeitet das BSW mit der AfD Sachsen-Anhalt zusammen?
Das BSW führt als einzige Partei Gespräche mit der AfD. Eine feste Koalition hat es ausgeschlossen, eine Tolerierung einer AfD-Minderheitsregierung aber nicht. Bei der Besetzung von Parlamentsämtern haben sich beide Parteien angenähert.
Was steht im Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt?
Zu den Kernpunkten gehören die Kündigung der Rundfunkstaatsverträge, mehr Abschiebehaftplätze, eine Arbeitspflicht für Asylbewerber, Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern und Kürzungen bei Programmen der Demokratieförderung. Einige Forderungen, etwa zum Asylrecht oder zu Russland-Sanktionen, kann ein Landtag allein nicht umsetzen.
Wer ist Landtagspräsident in Sachsen-Anhalt?
Seit dem 6. Oktober 2026 ist es Tobias Rausch (AfD). Er wurde in der konstituierenden Sitzung mit 48 von 82 gültigen Stimmen gewählt und ist der erste AfD-Politiker an der Spitze eines deutschen Landesparlaments. Vorgänger war Gunnar Schellenberger.
Warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen?
Weil sich Unzufriedenheit mit der Bundespolitik, lokale Abstiegsängste, das Thema Migration, eine Rekordbeteiligung und ein zugänglicher Spitzenkandidat überlagert haben. Die AfD Sachsen-Anhalt hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt.
Hat die AfD die absolute Mehrheit?
Nein. 39 von 83 Sitzen, Mehrheit ab 42. AfD plus BSW kämen rechnerisch auf 44. Alle fünf anderen Fraktionen zusammen ebenfalls auf 44.
Wann war die Landtagswahl?
Am Sonntag, dem 6. September 2026. Der neue Landtag muss spätestens am 6. Oktober erstmals tagen.
Wer ist Ulrich Siegmund?
Spitzenkandidat der AfD Sachsen-Anhalt, 35, Landtagsabgeordneter seit 2016, Direktmandat in Genthin mit 49,0 Prozent. Er will Ministerpräsident der AfD Sachsen-Anhalt werden – seit dem 10. September ausdrücklich auch mit einer Stimme Mehrheit.
Ist die AfD Sachsen-Anhalt rechtsextrem?
Der Landesverfassungsschutz stuft die AfD Sachsen-Anhalt seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein. Die Partei bestreitet das. Für viele Wählerinnen und Wähler war die Einstufung am Wahltag kein Hindernis.
Regiert die AfD Sachsen-Anhalt jetzt?
Nein. Die AfD Sachsen-Anhalt stellt seit dem 6. Oktober 2026 den Landtagspräsidenten, das ist aber kein Regierungsamt. Sven Schulze (CDU) bleibt geschäftsführend Ministerpräsident, bis ein Nachfolger gewählt ist. Die Wahl des Ministerpräsidenten wird für Dezember erwartet.
Geht es um Sachsen oder Sachsen-Anhalt?
Um Sachsen-Anhalt. Hauptstadt Magdeburg, 83 Sitze, Wahl am 6. September 2026.
Wie konnte die AfD den Landtagspräsidenten stellen, wenn sie keine Mehrheit hat?
AfD (39 Sitze) und BSW (5) kommen zusammen auf 44 Stimmen. Tobias Rausch erhielt 48. Mindestens vier Stimmen müssen also aus den Reihen von CDU, SPD, Grünen oder Linken gekommen sein. Da geheim abgestimmt wurde, ist nicht nachweisbar, von wem. Die CDU hatte Enthaltung angekündigt.
Warum ist die Wahl von Hans-Thomas Tillschneider umstritten?
Der AfD-Politiker wurde mit 44 von 82 Stimmen zum Vizepräsidenten gewählt, obwohl das BSW erklärt hatte, ihn nicht zu wählen, und die CDU angab, alle 15 Abgeordneten hätten sich auf ein Nein verpflichtet. Beide Fraktionen bestreiten eine Beteiligung. Die AfD allein hat 39 Sitze. Die Herkunft der übrigen Stimmen ist ungeklärt.
Wann wird der Ministerpräsident gewählt?
Die Wahl wird für Dezember 2026 erwartet. AfD-Kandidat ist Ulrich Siegmund. Für eine Mehrheit sind 42 der 83 Stimmen nötig. Enthält sich das BSW wie angekündigt, fehlen der AfD drei Stimmen. Die AfD bestreitet diese Rechnung.
Fazit: Darum gewann die AfD Sachsen-Anhalt – und warum das noch nicht die Regierung ist
Warum hat die AfD in Sachsen-Anhalt gewonnen? Weil am 6. September 2026 mehr Menschen gewählt haben als seit der Wiedervereinigung, weil die Union ihr Kernversprechen von Sicherheit und Ordnung nicht mehr glaubwürdig tragen konnte und weil die AfD Sachsen-Anhalt beides gleichzeitig angeboten hat: ein hartes Programm und einen Kandidaten, der Nähe simuliert. 43,8 Prozent, 39 Sitze, 38 Direktmandate – das ist der Befund. Drei fehlende Stimmen, eine Brandmauer und ein BSW mit Schlüsselrolle – das ist der Rest der Geschichte.
Stand 22. September 2026 sucht die AfD Sachsen-Anhalt drei Stimmen. Nur das BSW sitzt am Tisch. Siegmund sagt, er regiere auch mit einer Stimme Mehrheit, und peilt November oder Dezember an. Die übrigen Fraktionen halten die Brandmauer. Beides kann scheitern. Deshalb endet die Frage nicht an der Urne. Wer solche Verschiebungen einordnen will, findet bei TodayWhy denselben Blick hinter die Headline – etwa bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der Debatte um die Merz Vertrauensfrage und bei unserem redaktionellen Ansatz. Die kurze Formel bleibt: Die AfD Sachsen-Anhalt hat die Landtagswahl gewonnen. Ob sie das Land regiert, entscheidet sich erst in Magdeburg.
Video: AfD gewinnt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt