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Während heute Abend die meisten Beobachter in Nordspanien und auf Island gebannt durch ihre Sonnenfinsternisbrille nach oben schauen, hat ein kleines Team von Wissenschaftlern ein weißes Tuch auf dem Boden ausgebreitet — und schaut nach unten. Sie suchen nach einem Phänomen, das seit Jahrhunderten beschrieben, aber bis heute nicht vollständig erklärt ist: den Schattenbändern.
Warum entstehen Schattenbänder bei einer Sonnenfinsternis? Die ehrliche Antwort: Niemand weiß es mit letzter Sicherheit. Zwei Theorien konkurrieren seit Jahrzehnten, und ein von der NASA finanziertes Ballonexperiment hat die favorisierte Erklärung 2017 eher durcheinandergebracht als bestätigt.
Was Schattenbänder überhaupt sind
Schattenbänder — im Deutschen manchmal auch als „fliegende Schatten“ bezeichnet — sind schwache, parallele Streifen aus Hell und Dunkel, die in der Minute unmittelbar vor und nach der Totalität über den Boden oder Hauswände huschen. Nach Angaben der Allegheny Observatory der University of Pittsburgh werden sie seit Jahrhunderten von Finsternisbeobachtern beschrieben, ihr genauer Ursprung gilt aber weiterhin als ungeklärt.
Das menschliche Auge nimmt sie erstaunlich leicht wahr. Kameras tun sich dagegen sehr schwer damit — der Kontrast zwischen den hellen und dunklen Streifen ist so gering, dass die meisten Foto- und Videoaufnahmen sie schlicht nicht einfangen. Genau das hat systematische Forschung über so viele Jahrzehnte so schwierig gemacht.

Warum die Bänder mit schmaler werdender Sonnensichel dichter werden
Ein Detail, das Amateurastronomen seit Langem dokumentieren: Der Abstand der Schattenbänder verringert sich, je schmaler die Sonnensichel vor der Totalität wird, und vergrößert sich danach wieder. Der deutsche Physiker und Finsternisbeobachter Wolfgang Strickling hat das bei mehreren Sonnenfinsternissen selbst vermessen — die Bänder verlaufen dabei parallel zum projizierten Bild der Sonnensichel, und ihr Kontrast nimmt zu, je schmaler diese Sichel wird.
Das liefert bereits einen Hinweis auf den Mechanismus: Rechnet man aus dem Bandabstand die effektive „Brennweite“ der für die Ablenkung verantwortlichen Luftschichten zurück, kommen Werte von einigen hundert Metern bis etwa einem Kilometer heraus — ein Hinweis auf turbulente Luftschichten in genau dieser Höhe über dem Beobachter.
Warum Wissenschaftler sich bis heute nicht einig sind
Zwei Erklärungen konkurrieren seit Jahrzehnten. Die favorisierte Theorie schreibt Schattenbänder der Luftturbulenz zu — denselben ständig wechselnden warmen und kühlen Luftpaketen in der Erdatmosphäre, die auch das Funkeln von Sternen verursachen. Sie lenken das Licht der letzten, extrem schmalen Sonnensichel unregelmäßig ab. Die zweite Theorie setzt auf Beugung und Interferenz: Lichtwellen, die sich an der scharfen Kante des Mondes brechen — ein Effekt, der theoretisch auch oberhalb der Erdatmosphäre auftreten müsste, wo es gar keine Turbulenz gibt.
Diese beiden Theorien lassen sich mit einem klaren Test unterscheiden: Ist Turbulenz die Ursache, dürften Schattenbänder ausschließlich am Boden auftreten und in großer Höhe verschwinden. Ist Beugung die Ursache, müssten sie auf beiden Höhen gleichermaßen nachweisbar sein.
Warum ein NASA-Ballonexperiment die favorisierte Theorie ins Wanken brachte
Genau diesen Test führte 2017 ein Team der University of Pittsburgh unter Leitung von Physikprofessor David Turnshek durch. Im Rahmen des NASA-Programms Nationwide Eclipse Ballooning Project reiste das Team nach Tennessee, in den Pfad der totalen Sonnenfinsternis jenes Jahres. Am Boden installierten sie einen lichtempfindlichen Schirm, gleichzeitig ließen sie einen Hochatmosphären-Ballon mit Photodioden-Sensoren auf rund 24 Kilometer Höhe steigen — weit oberhalb der turbulenten unteren Atmosphäre.
Das Ergebnis, später im Fachjournal Journal of Atmospheric and Solar-Terrestrial Physics veröffentlicht, widersprach der erwarteten Vorhersage der Turbulenztheorie. Sowohl die Bodensensoren als auch der Ballon registrierten dasselbe Signal: Hell-Dunkel-Muster mit einer Frequenz von 4,5 Hertz, nahezu zeitgleich am Boden und in 24 Kilometern Höhe. Wäre bodennahe Turbulenz allein die Ursache, hätte der Ballon dort oben nichts registrieren dürfen.
„Wir haben diesen Effekt oberhalb der Atmosphäre und am Boden gesehen“, erklärte Turnshek gegenüber CNN, „was bedeutet, dass die favorisierte Theorie zu Schattenbändern falsch sein könnte“ — oder zumindest unvollständig.
Warum das Rätsel bis heute nicht gelöst ist
Ein überraschendes Ergebnis aus einem einzigen Experiment ist noch kein Beweis. Turnsheks Team versuchte seither mehrfach, den Befund zu wiederholen und zu präzisieren. Bei der ringförmigen Sonnenfinsternis im Oktober 2023 und der totalen Finsternis im April 2024 kamen zusätzlich Wetterballons mit Radiosonden zum Einsatz — Instrumente, die Temperatur, Luftdruck und Windverhältnisse in Echtzeit messen, um eine direkte Korrelation zwischen Luftturbulenz und den beobachteten Bändern nachzuweisen. Wolkenbedeckung über Texas verhinderte 2024 jedoch verwertbare Daten.
Damit ist der 12. August 2026 die nächste echte Gelegenheit. Turnshek reist dafür nach León in Spanien, wird den vollständigen Ballonaufbau diesmal aus logistischen Gründen aber nicht wiederholen können. Der unabhängige Forscher Joe Conti ruft parallel Finsternisbeobachter in Island und Spanien dazu auf, Schattenbänder als eine Art Bürgerwissenschaft-Projekt selbst aufzuzeichnen — in der Hoffnung, dass ausreichend Aufnahmen aus genügend Beobachtungsorten gelingen, wo ein Jahrhundert professioneller Forschung bislang nicht zu einer endgültigen Antwort gekommen ist.
Wie man Schattenbänder selbst beobachten kann
Wer sich heute im Streifen der Totalität befindet, sollte rechtzeitig eine große, glatte, helle Fläche vorbereiten — ein weißes Bettlaken eignet sich gut — und diese in den letzten rund 60 Sekunden vor und unmittelbar nach der Totalität beobachten, nicht während des Höhepunkts selbst. Rasen, Kies oder gewöhnlicher Asphalt liefern zu wenig Kontrast; die Bänder verlaufen zudem parallel zur Ausrichtung der Sonnensichel, was die Suche erleichtert, wenn man weiß, wonach man Ausschau hält.
Wer die Finsternis außerhalb der Totalitätszone erlebt, wird keine Schattenbänder sehen — das Phänomen setzt die fast vollständige Verdunkelung voraus, die nur echte Totalität erzeugt. Alle weiteren Details zur sicheren Beobachtung der heutigen Sonnenfinsternis finden Sie in unserem ausführlichen Leitfaden zur Sonnenfinsternis am 12. August.
Häufige Fragen
Was verursacht Schattenbänder bei einer Sonnenfinsternis?
Das ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die favorisierte Theorie macht Luftturbulenz verantwortlich, die das letzte schmale Sonnenlicht ablenkt. Eine zweite Theorie setzt auf Lichtbeugung am Mondrand. Ein Ballonexperiment 2017 lieferte Ergebnisse, die eher gegen die Turbulenztheorie als eindeutig für die Alternative sprechen.
Wann treten Schattenbänder auf?
In den etwa 60 Sekunden unmittelbar vor und nach der Totalität, wenn nur noch eine sehr schmale Sonnensichel sichtbar ist.
Warum sind Schattenbänder so schwer zu fotografieren?
Der Kontrast zwischen den hellen und dunklen Streifen ist extrem gering. Das menschliche Auge erkennt ihn deutlich leichter als die meisten Kameras — einer der Hauptgründe, warum das Phänomen wissenschaftlich so schwer zu untersuchen ist.
Braucht man spezielle Ausrüstung, um Schattenbänder zu sehen?
Nein. Eine glatte, helle Fläche wie ein weißes Bettlaken oder eine helle Hauswand reicht aus. Rasen, Kies und gewöhnlicher Untergrund liefern zu wenig Kontrast.
Kann man Schattenbänder auch bei einer partiellen Sonnenfinsternis sehen?
Nein. Sie treten nur in dem kurzen Zeitfenster rund um die Totalität auf und sind deshalb auf Orte innerhalb der Totalitätszone beschränkt — für Deutschland also nicht relevant, da hier nur eine partielle Finsternis zu sehen ist.
Warum ändert sich der Abstand der Schattenbänder während der Finsternis?
Der Bandabstand verringert sich, je schmaler die Sonnensichel vor der Totalität wird, und vergrößert sich danach wieder — ein Muster, das auf turbulente Luftschichten in einigen hundert Metern bis etwa einem Kilometer Höhe über dem Beobachter hindeutet.