Warum Rente bald in Rheinmetall-Aktien fließt

Last Updated on 23 Sekunden ago by TodayWhy Editorial

Fließen unsere Rentenbeiträge bald in Rheinmetall-Aktien? Die Schlagzeile klingt provokant, und sie steckt hinter einer echten Reform: der geplanten Kapitalrente. Ab sofort sollen Millionen Beschäftigte einen Teil ihrer Altersvorsorge direkt an der Börse anlegen. Hier ist, was wirklich dahintersteckt – und warum ausgerechnet der Rüstungskonzern aus Düsseldorf in der Debatte auftaucht.

Was die Kapitalrente konkret bedeutet

Die Rentenkommission der Bundesregierung hat der Kanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas am 23. Juni 2026 insgesamt 33 Empfehlungen übergeben. Eine der wichtigsten: eine neue, verpflichtende Kapitalrente. Wann welcher Teil der Reform konkret greift, ist ein eigenes, kompliziertes Kapitel für sich.

Zwei Prozent vom Bruttolohn sollen künftig zusätzlich abgeführt werden – je zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Für jemanden mit 3.500 Euro brutto wären das rund 35 Euro im Monat, sobald das Modell vollständig eingeführt ist. Das Geld soll nicht wie die klassische Rente sofort umverteilt werden, sondern über Jahrzehnte am Kapitalmarkt wachsen.

Warum Rheinmetall überhaupt in der Diskussion auftaucht

Die Rentenkommission schreibt in ihrem Bericht ausdrücklich, dass ein möglicher staatlicher Fonds seine Anlagen breit streuen muss – mit einer Obergrenze von maximal einem Prozent des Gesamtvermögens pro einzelner Position. Ein gezielter Griff nach einem bestimmten Unternehmen ist damit eigentlich ausgeschlossen.

Das Problem: Rheinmetall ist seit März 2023 im DAX gelistet und zwischen 2022 und Anfang 2026 um rund 1.000 Prozent gestiegen. Damit gehört der Konzern inzwischen zu den größten Positionen im deutschen Leitindex. Jeder Fonds, der breit gestreut in deutsche oder europäische Aktien investiert, würde Rheinmetall automatisch mit im Portfolio haben – nicht, weil der Staat gezielt in Rüstung investieren will, sondern weil das Unternehmen im Index inzwischen so viel Gewicht hat.

Wer die Kapitalrente überhaupt verwalten soll

Als aussichtsreichster Kandidat für die Verwaltung gilt der KENFO, offiziell der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung der Bundesregierung – ursprünglich für die Atommüll-Endlagerung gegründet. Der Fonds erwirtschaftete 2025 eine Rendite von 6,2 Prozent und liegt seit seinem Start 2017 im Schnitt bei 6,1 Prozent pro Jahr.

Konkurrenz kommt von der Bundesbank: Vizepräsidentin Sabine Mauderer hat öffentlich Interesse bekundet, die Kapitalrente zu verwalten. Wer am Ende den Zuschlag bekommt, könnte die Anlagestrategie deutlich beeinflussen, da die Bundesbank traditionell konservativer investiert als der KENFO.

Als Vorbild dient Schweden, wo der Aktienmarkt seit 25 Jahren Teil des Rentensystems ist. Zwischen 2000 und 2025 erzielte der schwedische Staatsfonds im Schnitt 11 Prozent Rendite pro Jahr – bei ähnlich breiter, globaler Streuung.

Die Risiken, die niemand wegdiskutieren kann

Eine Garantie für die Höhe der späteren Auszahlung gibt es nicht. Anders als bei der gesetzlichen Rente haftet der Staat bei Verlusten nicht automatisch. Wie riskant das werden kann, zeigte 2022: Nach Russlands Invasion der Ukraine stürzte der schwedische Rentenfonds um 9,5 Prozent ab, der KENFO verlor rund 12 Prozent.

Die Linke im Bundestag kritisiert zudem, in welche Art von Unternehmen das Geld am Ende fließen könnte. Rentenpolitikerin Sarah Vollath verweist etwa auf frühere KENFO-Investments in den Wohnkonzern Vonovia, dem überhöhte Mieten vorgeworfen werden, oder den Ölkonzern Shell. Genau dieses Argument lässt sich eins zu eins auf Rüstungsaktien wie Rheinmetall übertragen: Wollen Beitragszahler wirklich Wertpapiere im Portfolio haben, die von Kriegen profitieren?

Ökonom Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält das Grundmodell trotzdem für sinnvoll. Entscheidend sei am Ende weniger die einzelne Aktie im Portfolio, sondern wie unabhängig der Fonds von politischer Einflussnahme bleibt und wie eng die Anlagevorgaben am Ende tatsächlich gefasst werden.

Beschlossen ist von alledem noch nichts. Ob und in welcher Form die Kapitalrente kommt, entscheidet sich erst, wenn aus den 33 Empfehlungen der Rentenkommission konkrete Gesetzentwürfe werden. Bis dahin bleibt die Frage, ob deutsches Rentengeld in Rheinmetall-Aktien landet, eine berechtigte – aber noch offene.

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