Warum sind Gebäude in Venezuela beim Erdbeben wie Pfannkuchen eingestürzt?

Last Updated on 2 Stunden ago by TodayWhy Editorial

Die Bilder aus Venezuela nach den Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 am 24. Juni 2026 zeigten nicht nur gerissene Fassaden, sondern ganze Hochhäuser, die zu flachen Stapeln aus Betonplatten zusammengedrückt waren – Stockwerk auf Stockwerk, fast ohne Zwischenraum. Bauingenieure nennen dieses Versagensmuster „Pancake-Kollaps“. Warum stürzten ausgerechnet so viele venezolanische Hochhäuser auf diese Weise ein – und wäre das vermeidbar gewesen?

Was genau ist ein Pancake-Kollaps?

Bei modernen, erdbebensicheren Betonbauten sind die tragenden Stützen so konstruiert, dass sie sich unter extremer Belastung zunächst verformen und langsam reißen, bevor sie versagen. Ingenieure nennen diese Eigenschaft Duktilität. Bei einem Pancake-Kollaps passiert das Gegenteil: Die Stützen eines Stockwerks brechen praktisch ohne Vorwarnung. Sobald eine Stütze ihre Tragfähigkeit verliert, hat das darüberliegende Stockwerk keinen Halt mehr und fällt direkt auf das darunterliegende – das dann wiederum auf das nächste fällt, bis ganz unten nichts mehr steht.

Dieses Versagensmuster ist aus zwei Gründen besonders tödlich. Erstens geschieht es extrem schnell, oft innerhalb von Sekunden, sodass Bewohnern kaum Zeit zur Flucht bleibt. Zweitens werden die Zwischenräume zwischen den Stockwerken auf nahezu null zusammengepresst – weshalb Rettungskräfte bei eingestürzten Gebäuden dieser Art kaum noch Hohlräume finden, in denen Eingeschlossene überleben könnten.

Der eigentliche Grund: nicht-duktiler Beton

Der Fachbegriff für die Bauweise hinter den meisten Pancake-Kollapsen ist „nicht-duktiler Stahlbeton“. Das Problem liegt nicht am Beton selbst, sondern an der fehlenden Bügelbewehrung – also den Stahlringen, die normalerweise eng um die senkrechten Bewehrungsstäbe in einer Stütze gewickelt werden.

Diese Bügel sind entscheidend. Sind sie eng angeordnet, halten sie die Bewehrungsstäbe zusammen, sodass eine Stütze auch nach ersten Rissen im umgebenden Beton weiter Energie aufnehmen kann, ohne sofort zu versagen. Sind die Bügel – wie bei älteren Baustandards üblich – weit auseinander oder fehlen ganz, platzt der Beton bei Überlastung regelrecht ab, der Kern verliert seinen Halt, und die Stütze gibt schlagartig nach. Spezialisten für Erdbebenertüchtigung (englisch) beschreiben nicht-duktilen Stahlbeton als eine der häufigsten Todesursachen bei Erdbeben weltweit, gerade weil solche Gebäude oft mehrstöckig sind und viele Menschen beherbergen.

Venezuela ist damit kein Einzelfall. Dasselbe Versagensmuster wiederholt sich seit Jahrzehnten bei Erdbeben rund um den Globus. Eine bautechnische Analyse des Sylmar-Erdbebens von 1971 in Kalifornien (englisch) kam zu dem Ergebnis, dass mehrere eingestürzte Betongebäude – darunter ein Veteranenkrankenhaus mit zahlreichen Todesopfern – genau wegen fehlender Bügelbewehrung versagten, obwohl sie nach den damals gültigen Normen errichtet worden waren. Ingenieure, die die Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023 untersuchten (englisch), kamen zum selben Schluss: Fast alles, was einstürzte, war nicht-duktiler Stahlbeton – eine Bauweise, die in Teilen der Türkei so verbreitet ist, dass es dort etwa alle zehn Jahre zu schweren Erdbebenschäden kommt.

Warum Venezuela besonders gefährdet war

Es fehlte Venezuela nicht an Bewusstsein für Erdbebenrisiken – das Land liegt direkt auf der aktiven Plattengrenze zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte und hat eine lange Erdbebengeschichte, wie TodayWhys ausführliche Analyse zu den Ursachen des Doppel-Erdbebens vom Juni 2026 zeigt. Was über Jahrzehnte fehlte, war eine moderne Bauordnung, die duktile Bügelbewehrung auch im gewöhnlichen Wohnungsbau verbindlich vorschreibt.

Venezuelas erste eigenständige Erdbebenbaunorm, COVENIN 1756, wurde erst 1982 verabschiedet – jedes Betongebäude, das vor diesem Jahr errichtet wurde, entstand also ohne die später vorgeschriebenen Anforderungen an die Stützenbewehrung. Die Norm wurde 1998 grundlegend überarbeitet und zuletzt 2019 erneut aktualisiert, wobei die Anforderungen in erdbebengefährdeten Zonen jeweils strenger wurden. Eine neue Bauordnung verändert aber nur, wie künftig gebaut wird – sie hilft den hunderttausenden älteren Wohnblocks, Krankenhäusern und Geschäftsgebäuden in Caracas, La Guaira und den anderen am 24. Juni schwer betroffenen Städten nicht. Eine nachträgliche Ertüchtigung bestehender Stützen ist aufwendig und teuer, und angesichts der wirtschaftlichen Lage Venezuelas der vergangenen Jahre stand sie selten auf der Prioritätenliste.

Was das für die kommenden Tage bedeutet

Für Erdbebeningenieure ist das Muster inzwischen vertraut: Über Jahrzehnte stehen in einer Stadt alte, nicht-duktile Betonbauten, irgendwann zieht die Bauordnung mit dem Stand der Technik nach – und ein schweres Erdbeben legt dann offen, welche Gebäude vor und welche nach diesem Wendepunkt errichtet wurden. Die venezolanischen Behörden erklärten, die vollständige Schadensbewertung werde Tage dauern. Ingenieure, die erste Aufnahmen analysieren, berichten bereits von einem wiederkehrenden Bild: Gebäude aus der Zeit vor 1982 stürzten vollständig ein, während viele neuere Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft, die nach der aktualisierten Norm errichtet wurden, stehen blieben oder deutlich geringere Schäden aufwiesen.

Das macht die Katastrophe nicht weniger verheerend – es zeigt aber, wo die schwierigste langfristige Aufgabe der Wiederaufbauphase liegt: herauszufinden, welche der noch stehenden älteren Gebäude dieselbe verborgene Schwäche aufweisen, bevor das nächste Erdbeben entlang dieses Bruchsystems folgt.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind die Gebäude in Venezuela wie Pfannkuchen eingestürzt?

Viele der eingestürzten Gebäude bestanden aus nicht-duktilem Stahlbeton – einer Bauweise ohne ausreichend eng angeordnete Bügelbewehrung in den tragenden Stützen. Unter extremer Belastung brechen solche Stützen schlagartig statt sich zu verformen, wodurch jedes Stockwerk direkt auf das darunterliegende fällt.

Tritt dieses Phänomen nur in Venezuela auf?

Nein. Dasselbe Versagensmuster wurde unter anderem beim Sylmar-Erdbeben 1971 und beim Northridge-Erdbeben 1994 in Kalifornien sowie bei den Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023 beobachtet, da nicht-duktiler Stahlbeton vor der Einführung moderner Erdbebennormen weltweit verbreitet war.

Seit wann gibt es in Venezuela erdbebensichere Bauvorschriften?

Venezuelas erste eigenständige Erdbebenbaunorm, COVENIN 1756, wurde 1982 verabschiedet und 1998 sowie 2019 grundlegend überarbeitet. Gebäude, die vor 1982 errichtet wurden, mussten die heutigen Anforderungen an die Stützenbewehrung nicht erfüllen.

Lassen sich nicht-duktile Betongebäude nachträglich sichern?

Ja, durch seismische Ertüchtigung, bei der Stützen meist mit Stahl- oder Faserverbundmänteln verstärkt werden, um die fehlende Bügelwirkung nachzurüsten. Das Verfahren ist wirksam, aber teuer – weshalb weltweit, nicht nur in Venezuela, viele ältere Gebäude bis heute unsaniert bleiben.

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